Katholische Männer bewerten Papstworte zu "Genderideologie"

"Stellt die Würde aller Menschen infrage"

Papst Franziskus nannte kürzlich die "Genderideologie" eine "hässliche Gefahr". Das Forum katholischer Männer wendet sich nun in einer Stellungnahme gegen die Äußerungen des Papstes. Hans Prömper aus dem Vorstand erklärt die Kritik.

Christopher Street Day Berlin mit einer Regenbogenflagge vor dem Brandenburgertor  / © Hannes P. Albert (dpa)
Christopher Street Day Berlin mit einer Regenbogenflagge vor dem Brandenburgertor / © Hannes P. Albert ( dpa )

DOMRADIO.DE: Genderideologie ist inzwischen ein kultureller Kampfbegriff geworden. Was meint denn der Papst, wenn er von Genderideologie spricht? Wie benutzt er diesen Begriff aus Ihrer Sicht? 

Dr. Hans Prömper (Vorstandsmitglied des Forums katholischer Männer): Das wüsste ich selber ganz gerne. Ich bin sozialwissenschaftlich geprägt und kann mir keinen vernünftigen Reim auf diese Begrifflichkeit machen, außer dass es ein Kampfbegriff ist, den man irgendwie ablehnt. Und dass der Papst meint, alles, was nicht getrennt Mann und Frau oder eindeutig auf einer Seite ist, das sei Ideologie. 

Ich verstehe das aber nicht, weil die Naturwissenschaften – wir müssen noch nicht mal von Sozialwissenschaften sprechen – kennen eine Vielfalt geschlechtlicher Identitäten und von Geschlechtlichkeit. Ich verwende diesen Begriff "Ideologie" auch sehr ungern. 

Hans Prömper

"Das ist ein sehr hohes Verletzungspotenzial, was viele Menschen dann verstummen lässt oder sich zurückziehen lässt."

DOMRADIO.DE: Warum genau halten Sie die Einlassungen des Papstes für problematisch?

Prömper: Aus der Arbeit mit Männern, ich habe natürlich auch mit Frauen zu tun – ich lehre auch an der Universität des dritten Lebensalters – weiß ich, dass eine nichteindeutige Geschlechtsidentität oder eine Nicht-Übereinstimmung mit herrschenden Geschlechternormen von vielen Betroffenen als beschämend und als "nicht in Ordnung" erlebt werden. 

Das ist ein sehr hohes Verletzungspotenzial, was viele Menschen dann verstummen lässt oder sich zurückziehen lässt. Ich kenne auch einen Fall einer Männergruppe, wo der Vater einer Tochter, die eine Transgenderidentität hat beziehungsweise einen Identitätswechsel vornimmt. 

Da merke ich, dass das sehr sensibel ist und ein Thema, das Menschen sehr verletzlich und verwundbar macht. Ich kenne das auch aus anderen Zusammenhängen. Deswegen erwarte ich gerade von der Kirche, dass wir diese Menschen schützen und nicht angreifen oder in die Ecke stellen. 

DOMRADIO.DE: Was denken Sie, heißt das, wenn der Papst sagt, es gibt Mann und Frau, die in fruchtbarer Spannung stehen und dann wendet er sich gegen die Genderideologie?

Prömper: Das ist ein naturalistisches Verständnis von Geschlecht, wo die Geschlechtlichkeit auf Fortpflanzung bezogen wird. Diese Fortpflanzung wird zweigeschlechtlich gedacht und weniger bezogen auf Geschlechtlichkeit als Selbstausdruck und als etwas, was Spaß macht und was zu uns Menschen gehört, als gesundheitsfördernd. Von daher kann ich das ganz schwer verstehen. 

Hans Prömper

"Das stellt die Gleichheit und die gleiche Würde aller Menschen irgendwie in Frage."

DOMRADIO.DE: Wenn wir uns jetzt auf die Bibel beziehen. Da steht, dass Gott den Menschen als Mann und Frau, als Adam und Eva geschaffen hat. Das ist es, worauf sich der Papst bezieht, oder? 

Prömper: Ich will jetzt nicht schöpfungstheologisch noch anfangen mit Adam und Eva, dass sie das gleiche Wesen sind. Dieses gleiche Wesen bedeutet aber, dass sie Menschen sind. 

Wenn wir Menschen anfangen zu unterteilen nach schwarz, weiß, links, rechts, farbig, nicht farbig, männlich, weiblich und dann anfangen, Ausgrenzungen zu machen, dann sind wir nahe dran an etwas, was für mich nicht geht. Das stellt die Gleichheit und die gleiche Würde aller Menschen irgendwie infrage. 

Hans Prömper

"Vor Gott sind alle Menschen gleich. Gottes Liebe ist allen menschlichen Wesen zugesagt, auch der ganzen Schöpfung insgesamt."

DOMRADIO.DE: Sie schreiben, dass die Diffamierung der Genderdiskussion als Ideologie und als "hässliche Gefahr" dem christlichen Menschenbild widerspricht. Inwiefern? 

Prömper: Vor Gott sind alle Menschen gleich. Gottes Liebe ist allen menschlichen Wesen zugesagt, auch der ganzen Schöpfung insgesamt. Warum sollten wir da Unterschiede machen? 

DOMRADIO.DE: In Ihrer Stellungnahme zur Kritik von Papst Franziskus an der sogenannten Genderideologie fordern Sie den Papst auf, Sie im Kampf gegen Diskriminierungen von Minderheiten und besonders verletzlichen Gruppen zu unterstützen. Welche Erwartungen haben Sie dabei? 

Prömper: Eine Mindesterwartung wäre, dass der Papst mit solchen Äußerungen vorsichtiger ist. Es ist sicherlich ein kircheninternes Forum gewesen, aber es ist ein Unterschied, ob ich als Mensch abends in einer geselligen Runde etwas sage – auch da ist es schon schlimm genug – oder ob ich etwas in einem öffentlichen Raum tue. 

Gerade im öffentlichen Raum erwarte ich vom Papst eine Berücksichtigung der Gleichwertigkeit und der gleichen Würde aller Menschen. Was er ja auch tut. Er setzt sich für Geflüchtete ein, er setzt sich für homosexuelle Menschen ein. Aber ja, in dieser Weise finde ich das nicht in Ordnung. 

Das Interview führte Dagmar Peters.

Quelle:
DR