Früherer Bundespräsident Horst Köhler wird 80

Offen und unbequem - oder doch still und nachhaltig?

Eine große Karriere: Staatssekretär, Chef des Internationalen Währungsfonds, Bundespräsident. Wichtig blieben ihm Afrika, die Nachhaltigkeitsziele der UN - und der christliche Glaube. An diesem Mittwoch wird Horst Köhler 80.

Autor/in:
Michael Jacquemain/Michael Kinnen
Ex-Bundespräsident Horst Köhler / © Elisabeth Rahe (KNA)
Ex-Bundespräsident Horst Köhler / © Elisabeth Rahe ( KNA )

Offen wolle er sein und notfalls unbequem - so hatte er es im Interview am Beginn seiner Amtszeit als Bundespräsident gesagt. Aber ein Mann der lauten, schrillen Töne war er nie. Die meisten Schlagzeilen neben seiner überraschenden Kür zum Bundespräsidenten-Kandidaten von Union und FDP 2004 machte er am Ende seiner Amtszeit 2010: Als er für viele ebenso überraschend und als erster Bundespräsident in der deutschen Geschichte vom Amt zurücktrat. Am Mittwoch wird Horst Köhler 80.

"Schlammschlacht" nach Interview

Dem Rücktritt vorangegangen war ein missverständliches und vielleicht absichtlich missverstandenes Interview, das er auf dem Rückflug aus Afghanistan gegeben hat, wo er Truppen der Bundeswehr besucht hatte. Der Afghanistan-Einsatz als handelspolitische Notwendigkeit und damit vom Grundgesetz nicht gedeckt? So hatten politische Stimmen in Berlin seine Worte ausgelegt.

Köhler sah sich in einer "Schlammschlacht" diffamiert, die aus seiner Sicht Gefahr lief, das höchste Staatsamt zu beschädigen. Nach seinem Rücktritt habe er sich eine Diskussion über Wahrhaftigkeit erhofft. Der Rücktritt kam. Die Diskussion blieb aus. Er habe sich nie über den Schritt zum Rücktritt gefreut, sagt Köhler heute, aber er sei mit sich im Reinen.

Wahrhaftigkeit wichtiges Thema

Ankunft von Papst Benedikt XVI. und Begrüßung durch Bundespräsident Horst Köhler (r.) auf dem Flughafen in Köln-Bonn am 18. August 2005 zum 20. Weltjugendtag in Köln. / © Pool (KNA)
Ankunft von Papst Benedikt XVI. und Begrüßung durch Bundespräsident Horst Köhler (r.) auf dem Flughafen in Köln-Bonn am 18. August 2005 zum 20. Weltjugendtag in Köln. / © Pool ( KNA )

Geprägt sieht sich Köhler durch ein Buch des Weltethos-Theologen Hans Küng zum Thema Wahrhaftigkeit. Das Thema findet Widerhall in seinen Lebensstationen: Der studierte Volks- und Wirtschaftswissenschaftler, der nach einer Beamtenlaufbahn zunächst Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes und 2000 Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington wird, hat entgegen jedem Klischee über Banker ein weites Herz: vor allem für Afrika, für nachhaltiges Wirtschaften und für soziale Projekte.

Vom Schwarzen Meer nach Ludwigsburg

Köhlers Eltern stammen aus Bessarabien, einer Region deutscher Auswanderer am Schwarzen Meer, die heute zu Moldawien und Rumänien gehört. 1943, zu der Zeit lebt die Familie bereits im polnischen Skierbieszow, wird Köhler als siebtes von acht Kindern geboren. Die Eltern müssen fliehen, vor Kriegsende nach Leipzig und 1953 weiter nach Westen, wo sie in Ludwigsburg heimisch werden.

Der Tübinger Student, der 1981 in die CDU eintritt, macht schnell Karriere: Referent am Tübinger Institut für Wirtschaftsforschung, ein Job im Bundeswirtschaftsministerium, dann in die Kieler Staatskanzlei und zurück zur Bundesregierung, wo er im Bundesfinanzministerium Staatssekretär wird. Sowohl beim Maastricht-Vertrag der EU als auch bei der Wiedervereinigung verhandelt Köhler in erster Reihe - allerdings immer mehr einer Fachwelt als der breiten Öffentlichkeit bekannt.

Afrika bleibt Zukunftskontinent 

Bundespräsident Horst Köhler spricht mit dem König des Ashantireiches in Ghana, Otumfuo Nana Osei Tutu II., am 27. August 2009 während der Konferenz für Entwicklungspolitik im World Conference Center in Bonn. / © Benedikt Plesker (KNA)
Bundespräsident Horst Köhler spricht mit dem König des Ashantireiches in Ghana, Otumfuo Nana Osei Tutu II., am 27. August 2009 während der Konferenz für Entwicklungspolitik im World Conference Center in Bonn. / © Benedikt Plesker ( KNA )

Als Elder Statesman wirkt der Altbundespräsident weiter. 2012 berief ihn der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in ein Gremium zur Entwicklung globaler Entwicklungsziele, Nachfolger Antonio Guterres ernannte ihn zum UN-Sondergesandten für die Westsahara. Köhler, der mit seiner Frau Eva Luise im Chiemgau und in Berlin wohnt, reist, hält Vorträge, setzt in vielfacher Hinsicht eher auf Nachhaltigkeit als auf die schnelle Schlagzeile. Afrika bleibt für ihn der Zukunftskontinent. Die Nachhaltigkeitsziele 2030 der Vereinten Nationen trägt er als Logo-Button am Revers.

Engagiert für christliche und nachhaltige Werte 

Zu den wenig bekannten Seiten Köhlers, der am selben Tag auf die Welt kam, als die in der Widerstandsbewegung "Weiße Rose" engagierten Geschwister Scholl von den Nazis hingerichtet wurden, gehört das Engagement für christliche und nachhaltige Werte: So gehört der vielfach geehrte Köhler dem Kuratorium der Stiftung Weltethos an, ist Schirmherr des ersten "Bürgerrates Klima", engagiert sich mit seiner Frau Eva Luise, "dem wichtigsten Menschen in meinem Leben", in der gemeinsamen Stiftung zur Erforschung seltener Erkrankungen. Köhlers Tochter ist aufgrund einer solchen Erkrankung im Jugendalter erblindet.

"Ich hatte immer erfüllende Aufgaben, die mich wirklich gefordert haben", sagt Köhler. Für den Protestanten war besonders in Krisensituationen der Glaube Kraftquelle: Ganz im Sinne seines Konfirmandenspruchs: "Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch."

Quelle:
KNA