Morgenimpuls von Schwester Katharina

Wir haben genug, um zu teilen

Auch wenn das Entsetzen über die Flut noch immer groß ist, erklärt ein Flutbetroffener, dass es Schlimmeres gibt, als Hab und Gut zu verlieren. Schwester Katharina stellt fest: Wir haben wohl alle zu viele Dinge, die wir nicht wirklich brauchen – und spenden können.

Symbolbild Teilen / © Studio KIWI (shutterstock)

In den letzten Tagen habe ich immer wieder von Ereignissen aus den Flutgebieten in Deutschland erzählt, und ich will es auch heute noch einmal tun. In einem der stark zerstörten Dörfer an der Ahr sitzt eine alte Frau auf ihrem Rollator und schaut zu, wie ihr Haus, das zur Hälfte von der Flut mitgerissen worden war, komplett abgerissen wird. Mir scheint, dass sie sich damit abgefunden hat, ihr restliches Hab und Gut zu verlieren, weil sie nicht mehr ins Haus dürfen, um noch irgendetwas zu holen.

Und dann sagt sie ganz lapidar: "Jetzt ist er fort. Der janze Pröll." Mir ist es ganz komisch geworden bei dieser Bemerkung. Es klang so, als sei das alles nichts wert gewesen, was aber niemals gestimmt hatte. Und der Mann neben ihr, ich weiß nicht, Sohn oder Schwiegersohn, hat dann gesagt: "Ich glaube, erst wenn man alles verloren hat, merkt man, wie wenig man wirklich braucht." Und auf die Nachfrage des Reporters, der genauso atemlos bei dieser Bemerkung war, sagt dieser Mann: "Schauen Sie sich doch um. Wir haben überlebt. Und hier sind ganz viele Menschen, die uns helfen und uns helfen werden und uns nicht allein lassen. Vielleicht muss man erst alles verlieren, um das zu kapieren."

Beide, die alte Dame und der jüngere Mann, sind für mich Propheten. Sie erinnern mich an Hiob, der alles verloren hat und trotzdem nicht verzweifelt, weil er an den Gott seiner Väter glaubt. Viele Flutbetroffene dieser Tage sind gläubige Christen, und immer wieder hört man: Ich habe gebetet in all der Not und Angst, das Vaterunser, weil Gott hilft. Aber dieses Gefühl, eigentlich haben wir so unendlich zu viel Pröll, wie die alte Dame sagt und brauchen doch so wenig, um zu leben, das haben immer wieder Menschen in vielen Generationen vor und mit uns erlebt, in Kriegen, bei Flucht und Vertreibung, in Katastrophen. Wenn wir uns in unseren Häusern und Wohnungen so umschauen, ist das bei vielen tatsächlich so, dass wir viel zu viel haben und vor allem viel mehr als wir brauchen.

Viele Menschen haben das verstanden und teilen, was sie zu viel haben. Kleidung, Haushaltsgegenstände, Bücher, Spielsachen, Materialien aller Art. Die Sammlungen für die Flutbetroffenen haben das ziemlich deutlich gezeigt. Wir haben genug, wir haben genug, um zu teilen und Menschen einen Neuanfang möglich zu machen. Und dann ist der "janze Pröll" ja wirklich wieder zu etwas gut.


Quelle:
DR

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