Wenn er Platz hat, spannt der Walnussbaum seine Krone bis zu zwölf Meter aus. Ein wunderbar schattiges Plätzchen im Sommer. Allerdings, das sei gleich gesagt, unterm Baum ist es kahl, gedeiht nichts anderes, was nicht am Schatten liegt: die Wurzeln sondern Hemmstoffe ab, die andere Pflanzen vom Baum fernhalten. Der Vorteil: Auf dem ziemlich kahlen Boden fällt das Aufsammeln der Nüsse leichter.
Nüsse sorgfältig bürsten und trocknen
Spätestens Anfang Oktober reifen und fallen die Nüsse. Die grüne Schale wird entfernt, dabei zieht man sich am besten Handschuhe an, denn die grüne Hülle der Nuss sondert einen stark färbenden Gerbstoff ab. Dann werden die Nüsse gewaschen und gebürstet. Anschließend müssen die Nüsse luftig trocknen zum Beispiel auf einem Gitterost. Sorgfalt ist da gefragt, denn so gesund die Walnuss ist, wenn sie fault, wird sie giftig.
Gut getrocknet halten die Nüsse aber übers Jahr. Und die Mühe lohnt. In so einer Walnuss steckt eine ganze Apotheke an gesundheitsfördernden und immunstärkenden Wirkstoffen. Das wussten schon die alten Griechen und Römer. Die Walnuss galt als Speise der Götter. „Jovis glans – Jupiters Eichel“ übersetzten die Römer den Namen aus dem Griechischen, daraus wurde der botanische Name „Juglans“, genauer: „Juglans regia“, die „edle Walnuss“.
Gut für Gehirn, Herz und Kreislauf
Und das sind die Fakten: Walnüsse enthalten reichlich Linolensäure, Zink und Kalium, außerdem Magnesium, Phosphor, Schwefel, Eisen, Calcium und die Vitamine A, B und C. So hilft die Walnuss Gehirn, Herz und Kreislauf, Blutgefäßen und Leber. 2010 berichtete Bild der Wissenschaft: Schon neun Walnüsse täglich und ein Teelöffel Walnussöl könnten den Körper vor zu hohem Blutdruck in Stresssituationen schützen.
Der Heilkunde ist all das nicht neu. Immerhin wird die Walnuss schon seit 9000 Jahren geknackt. Vermutlich stammt sie aus Persien, von dort holten sie die Griechen ins Reich, die Römer brachten sie dann nach Mitteleuropa. Die Germanen bezeichneten sie als Nüsse der Walchen oder Welschen, germanischer Spitzname allgemein für die Südländer, daraus wurde Welsche Nuss – Walnuss.
Und immer schon wurde die Nuss nicht nur geknackt, auch die grüne Schale der Walnuss und die Blätter wurden verwendet: Als Gerb- und Farbstoff, gegen Entzündungen aller Art, gegen Würmer und zur Förderung der Blutgerinnung. Und wer sich mit Walnussblättern einreibt, braucht keinen Insektenschutz.
Michelangelo nutzte Walnussöl für seine Farben
Und dann ist da noch das reine Walnussöl. In Salaten, Soßen und Vorspeisen ist Walnussöl eine kulinarische Delikatesse. Der Reichtum an ungesättigten Fettsäuren ist dabei Segen und Fluch zugleich. Denn das Öl wird schnell ranzig und sollte immer im Kühlschrank aufbewahrt werden. Rund 50 Prozent der Walnuss besteht aus Öl, das übrigens auch als Bindemittel für Farben verwendet wurde. Michelangelo hat das Walnussöl für seine Farben benützt, als er die Decke der Sixtinischen Kapelle mit seinen Fresken ausschmückte.
Die Speise der Götter im Einsatz zum Lobe Gottes. Bei soviel Kraft, die in der Walnuss steckt, ist klar, dass sie auch in Brauchtum und Aberglaube eine Rolle spielt. Der heidnische Brauch, im Schlafgemach am Vorabend der Hochzeit laut polternd Nüsse auf den Boden zu werfen, auf das die Ehe viele Früchte trage, ist der Vorläufer unseres heutigen Polterabends. Walnüsse stehen schlechthin für Dauer, für all das was ewig währen soll, stehen für das immer neue Leben. Deswegen hängen sie am Weihnachtsbaum, deswegen stehen sie bei Bachs Blütentherapie für den Neubeginn.
„Gott gab die Nüsse, aber er knackte sie nicht!“
In einer einzigen Nussschale hat das ganze Universum Platz, so betitelte das Physikergenie Stephen Hawking seinen Bestseller. Und Goethes Werther rastet aus, als die Frau des neuen Pfarrers die vertrauten Walnussbäume abholzen lässt:
„Die herrlichen Nußbäume, die mich, Gott weiß, immer mit dem größten Seelenvergnügen füllten! Wie vertraulich sie den Pfarrhof machten, wie kühl! und wie herrlich die Äste waren! (…) – abgehauen! (…) Sie ist es, die Frau des neuen Pfarrers, (…) Eine Närrin, die sich abgibt, gelehrt zu sein.“
Da hatte die Pfarrersfrau übersehen, dass die Walnuss seit dem Mittelalter zum christlichen Symbol für den Lebensweg Christi geworden war, die Hülle steht laut Augustinus für das Leid, die Schale für das Kreuz, die Nuss für die Auferstehung. Allerdings ist von Augustinus auch diese Weisheit überliefert: „Gott gab die Nüsse, aber er knackte sie nicht!“ – eine harte Nuss.
(Claudia Vogelsang)
Zitat aus Goethes Werther: Brief vom 15. September 1772
Mehr über den Walnussbaum z.B. in : „Die Welsche Nuss“