100 000 Soldaten waren an diesem Weihnachtsfrieden beteiligt. Der in Flandern stattgefunden hat. Wo sich hauptsächlich Deutsche und Briten gegenüber standen. Nur getrennt von einem Streifen Niemandsland. Was genau passierte, weiß niemand. Überlebende haben aber erzählt: dass die Männer sich gegenseitig eingeladen haben: zu deutschem Bier und britischem Plumpudding oder anderen guten Dingen aus den Weihnachtspaketen aus der Heimat, die an die Front geschickt worden waren. Die Soldaten zeigten sich Fotos von ihren Liebsten, sangen "Stille Nacht" und "Silent night". Und kickten im Niemandsland zusammen.
Das klingt wie eine Idylle. Deswegen ist der Weihnachtfrieden auch oft verklärt, zu einem Wunder stilisiert worden. Soldaten sind Menschen. Ganz gleich auf welcher Seite des Krieges wir kämpfen – jeder hat ein Herz in seiner Brust. Und wir wollen alle nur eines: glücklich sein. Nach vier Monaten Krieg standen noch Häuser, Kirchen, Dörfer. Der Krieg und das Morden hatten gerade erst angefangen. Vielleicht waren die Seelen der Soldaten noch nicht ganz und gar von Schrecken, Tod und Verlust überwuchert. Noch fähig zu fühlen.
Ein Jahr später schon, Weihnachten 1915, wurde der Waffenstillstand an Weihnachten verboten, 1916 zuwider Handlungen mit Kriegsgericht gedroht. Der Krieg hatte endgültig von den Menschen Besitz genommen.
Mir vorzustellen, dass Soldaten eine Pause vom Krieg an Weihnachten nehmen, dass Soldaten sich daran erinnern, dass sie Menschen sind, gelingt mir durchaus. Viel schwerer fällt es mir, mir vorzustellen, dass die gleichen Männer, nachdem sie gemeinsam sich als stolze Väter ihre Kinder gezeigt hatten, den gleichen Kindern ihre Väter nehmen können. Das will nicht in meinen Kopf. Und schon gar nicht in mein Herz. Aber: Weihnachten hat noch nie vor Mord und Terror geschützt. Immerhin feiern wir schon am ersten Sonntag nach Weihnachten das Fest der unschuldigen Kinder. Weil Herodes damals schon, beim allerersten Weihnachten, alle männlichen Erstgeborenen ermorden ließ.
Weihnachten kann helfen, uns den Frieden und die Möglichkeit dazu, in Erinnerung zu rufen. Wie viel Frieden ist, ist eine Entscheidung. Unsere.