Bevor ihn jemand fragen kann, schießt er los. "Also, die Petition in Deutschland läuft, die ist auch schon ziemlich weit fortgeschritten. Dann stimmt Deutschland vielleicht dagegen. Aber sonst nur noch Irland. Wegen der Chinesen, die in Kerry gebaut haben. Und vielleicht passiert in Frankreich ja noch was, wenn der Hollande doch seine Wirtschaftspolitik ändern sollte."
Wir verstehen alle nur Bahnhof. "Na das Freihandelsabkommen. Das ist eine Katastrophe! Was glaubt Ihr, was das bedeutet! Dann bestimmen die Amis, was hier im Supermarkt in den Regalen landet. Gekennzeichnet ist dann gar nichts mehr." Verzweiflung, Ohnmacht und Hilflosigkeit erscheinen in rascher Abfolge im Gesicht des Großen.
Ich schlucke. Und weiß sofort: er hat recht. Denke an die vielen Male, an denen ich, mit ungutem Gefühl zwar, aber eben doch die Wirtschaftsteile der Zeitungen überschlage. Die der Große so selten in die Hand nimmt. Wie oft habe ich ihm das schon vorgeworfen. Aber jetzt ist er es, der sich mit seinen 16 Jahren besser auskennt als ich.
Beschämt informiere ich mich erst mal über das Freihandelsabkommen, das TTIP, das Transatlantic Trade and Investment Partnership. Wikipedia klärt mich auf. Dass TTIP ist , Zitat "ein in der Verhandlungsphase befindliches Freihandelsabkommen in Form eines völkerrechtlichen Vertrags zwischen einer Vielzahl von Staaten Europas und Nordamerikas.“
Lese, worum es wirklich geht: darum, dass Konzerne in Zukunft, falls nationale oder regionale Gesetze ihre Investitionen bedrohen, ein Klagerecht auf Entschädigung vor einem internationalen "Schiedsgericht“" haben sollen. Einem privaten Schiedsgericht! Revisionen nicht zugelassen. Entschädigung aber zahlt der Steuerzahler.
Mein Gott, was passiert denn da? Verbraucherschutz? Umweltschutz? Die spielen dann wohl keine Rolle mehr. Je mehr ich lese, desto blasser werde ich. Jetzt verstehe ich, warum mein Kind sich solche Sorgen macht. Was ich lese, macht mir auch Angst. Lähmende Angst.
Zum Glück ist in ein paar Wochen Europawahl. Mit jedem einzelnen Abgeordneten, den ich in der Fußgängerzone zu fassen bekomme, werde ich reden. Danke mein Sohn. Dafür, dass du mich an das erinnerst, was ich Dir immer beibringen wollte: dass unsere Demokratien ein Geschenk sind, für das, jeder von uns, immer weiter kämpfen muss.