Überschrift der Kantate: "Alles nur nach Gottes Willen". Und das ist auch zugleich die Hauptaussage der Komposition: Der Christ muss sich dem Willen Gottes in guten, als auch in schlechten Zeiten fügen, oder wie es im ersten Chor heißt: "Gottes Wille soll mich stillen bei Gewölk und Sonnenschein".
Der 2. Satz, nur vom Continuo begleitet, geht nach wenigen Takten in ein Arioso über. Textlich wird neunmal der Ausspruch "Herr, so du willst" als Anapher wiederholt.
Die guten und schlechten Zeiten, von denen bereits im ersten Satz die Rede war, werden im dritten Satz noch einmal aufgegriffen, wenn es heißt: "Kann gleich mein schwacher Geist und Sinn des höchsten Rat nicht fassen; er führe mich nur immer hin auf Dorn- und Rosenstrassen".
Das zweite Rezitativ, der 4. Satz, greift eine Stelle aus dem Matthäusevangelium auf: Ein Aussätziger bittet Jesus um Heilung. "Und Jesus streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich wills tun". Der Textdichter der Kantate, Salomon Franck, wendet diesen Text jetzt auf die Gegenwart an: "So glaube nun! Dein Heiland saget: Ich wills tun! Er pflegt die Gnadenhand noch willigst auszustrecken":
Auch im fünften Satz greift Franck mit den Worten "Mein Jesus will es tun" auf dieselbe Bibelstelle zurück. Vom Charakter her ist dieser Satz liedhaft, fast tänzerisch gestaltet und gibt dem reinen Instrumentalsatz viel Raum. Der zweite Arienteil ist mit seiner Molltrübung auf die Worte "Obgleich dein Herz liegt in viel Bekümmernissen" und seinen langen Haltetönen auf "still in seinen Armen ruhn" stärker textbezogen.
Ganz am Ende heißt es dann - sozusagen als Schlussdevise - noch mal im Text: "Mein Jesus will es tun". Dadurch bekommt diese Aussage eine ganz zentrale Stellung. Mit der ersten Strophe des Liedes "Was mein Gott will, das gscheh allzeit" lässt Bach seine Komposition in einem einfachen Choralsatz enden.
"Alles nur nach Gottes Willen", BWV 72.
Tölzer Knabenchor, Concentus musicus Wien, Leitung: Nikolaus Harnoncourt.
Quelle/ Literatur: Alfred Dürr: Die Kantaten Johann Sebastian Bachs. Bärenreiter, 1995
BWV 72
Zweiter Fastensonntag
Oft wurde vermutet, dass Johann Sebastian Bach die Kantate des heutigen Sonntags noch in seiner Weimarer Zeit komponiert hätte, also vor 1723. Grund für diese Annahme: Er entnimmt den Text dem Buch "Evangelisches Andachtsopfer", das Salomon Franck 1715 verfasst hat. Neuere Forschungen belegen aber, dass die Kantate in der uns erhaltenen Form erst in Leipzig im Jahr 1726 komponiert worden ist, und wenn Bach je ein Weimarer Werk mit diesem Text komponiert haben sollte, so müsste es mit dem Vorhandenen wenig gemein haben.
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