Unabhängiger Bericht belastet Kardinal Nichols

Staatliche Missbrauchsuntersuchung veröffentlicht

​Im Oktober erst hat die unabhängige staatliche Untersuchungskommission zu Kindesmissbrauch in England und Wales einen Untersuchungsbericht zur anglikanischen Kirche vorgelegt. Nun folgte der zur katholischen Kirche. Und der hat es in sich.

Autor/in:
Andreas Laska
Blick von der Westminster Cathedral auf London / © ansharphoto (shutterstock)
Blick von der Westminster Cathedral auf London / © ansharphoto ( shutterstock )

"Über Jahrzehnte hinweg ist die katholische Kirche das Thema sexueller Missbrauch nicht angegangen und hat so viele weitere Kinder eben diesem Schicksal überlassen." Zu diesem Schluss kommt Alexis Jay, Vorsitzende der unabhängigen staatlichen Untersuchungskommission zu Kindesmissbrauch in England und Wales (IICSA). Vorige Woche legte die Kommission ihren Bericht zur katholischen Kirche vor.

931 Geistliche, Ordensleute und Laien seien demnach zwischen 1970 und 2015 in den Verdacht des sexuellen Missbrauchs geraten; die Zahl der angezeigten Fälle wird mit mehr als 3.000 angegeben. Angeklagt allerdings wurden demnach nur 177 mutmaßliche Täter; nur in 133 Fällen kam es zu einer Verurteilung. Viel zu wenige, findet die Kommission, zumal man von einer deutlich höheren Dunkelziffer ausgehen müsse.

Und noch etwas halten die Experten fest: "Es wäre falsch, sexuellen Missbrauch an Kindern in der katholischen Kirche ausschließlich als historisches Problem zu betrachten." So habe es auch nach 2015 rund 100 entsprechende Anschuldigungen pro Jahr gegeben.

Zahlen und Einzelschicksale

Doch der 162 Seiten starke Bericht belässt es nicht beim Zahlenwerk, im Gegenteil: In beklemmender Weise werden Einzelschicksale geschildert, wie das eines 17-jährigen, im Rollstuhl sitzenden Mädchens, das als Kind bereits einmal missbraucht worden war und nun abermals von einem Priester bedrängt wurde. An anderer Stelle ist von einem Geistlichen die Rede, der ein Kind mehrere hundert Mal in fünf Jahren missbrauchte, nur um dem Opfer jeweils im Anschluss die Beichte abzunehmen und es so noch weiter zu traumatisieren.

Der Bericht klagt an. "Kindesmissbrauch wurde unter den roten Teppich gekehrt", heißt es dort unmissverständlich. Und Wissenschaftlerin Jay ergänzt: "Es ist eindeutig, dass der Ruf der Kirche höher bewertet wurde als das Wohl der Opfer. Hinweise wurden ignoriert, Täter geschützt."

Schließlich nennt der Bericht auch Namen, zuvorderst den des Vorsitzenden der Bischofskonferenz von England und Wales, Kardinal Vincent Nichols. Zwar habe sich der Erzbischof von Westminster in einer öffentlichen Anhörung 2018 für die Fehler der Kirche entschuldigt. Persönliche Verantwortung habe er allerdings nicht übernommen.

Bericht: Persönliche Verantwortung dringen nötig

Das aber hätte er laut dem Bericht dringend nötig gehabt. Denn auch ihm sei es in zwei näher untersuchten Fällen eher um die Reputation der Kirche gegangen als um die Opfer. Statt Mitleid mit den Opfern zu zeigen, sei er vor allem besorgt gewesen, Schaden von der Kirche abzuwenden. So habe er in einem Fall versucht, Medienberichte zu unterbinden. In einem anderen habe er lange abgelehnt, das mutmaßliche Opfer zu treffen.

Vorwürfe erhebt die Kommission auch gegen den Vatikan und Papstbotschafter Erzbischof Edward Adams. Mehrfach habe man ihn gebeten, an der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen an zwei Londoner Schulen des Benediktinerordens mitzuwirken. Doch der Bitte der Kommission, Informationen zum Kontakt zwischen den Schulen und der Nuntiatur zur Hoch-Zeit des Missbrauchskandals offenzulegen, sei der Erzbischof nicht nahegekommen. Dieses Verhalten sei umso unverständlicher, als Papst Franziskus immer wieder lückenlose Aufklärung von Missbrauchsfällen einfordere.

Entsprechend mahnend fällt denn auch das Fazit von Studienleiterin Alexis Jay aus: Zwar seien zuletzt einige Fortschritte gemacht worden. Was aber fehle, sei ein durchgreifender Kulturwandel in der der Kirche. Und nur der allein könne verhindern, dass sich die Fehler der Vergangenheit wiederholen.


Kardinal Vincent Nichols / © Romano Siciliani (KNA)
Kardinal Vincent Nichols / © Romano Siciliani ( KNA )
Quelle:
KNA