Das 40-jährige Bestehen des Weißen Rings

"Zur Ruhe kommen"

Vor 40 Jahren, am 24. September 1976, wurde der Weiße Ring als Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer gegründet. Die Bundesvorsitzende Roswitha Müller-Piepenkötter berichtet im Interview über die Anfänge und aktuelle Themen.

Der Weiße Ring / © Miguel Villagran (dpa)
Der Weiße Ring / © Miguel Villagran ( dpa )

KNA: Frau Müller-Piepenkötter, hoffen Sie manchmal, dass der Weiße Ring überflüssig wird?

Müller-Piepenkötter (Bundesvorsitzende des Weißen Rings): Das kann man hoffen, aber das wäre ganz sicher eine Illusion. Wir können die Menschen nicht grundsätzlich ändern. Es wird wohl immer Straftaten geben. Wir sehen, dass sich Straftaten ändern: Wir haben heute Stalking und Cybermobbing. Das kannten wir vor 40 Jahren überhaupt noch nicht.

KNA: Wie hat der Weiße Ring vor 40 Jahren angefangen?

Müller-Piepenkötter: Angefangen hat der Weiße Ring mit Eduard Zimmermann und verschiedenen Polizeipräsidenten, die aus ihrer Arbeit bei der Polizei und Eduard Zimmermann aus seinen Fernsehsendungen "Vorsicht Falle. Nepper, Schlepper, Bauernfänger" und "Aktenzeichen XY...ungelöst" sahen, dass Opfer noch lange leiden und zur damaligen Zeit auch kaum Chancen hatten, Ausgleich zu erhalten.

So gründeten sie 1976 den Verein Weißer Ring. Schon im selben Jahr wurden dann die ersten Außenstellen eingerichtet. 1980 waren es bereits 100 Anlaufstellen, in denen ehrenamtliche Mitarbeiter zur Verfügung standen - zum Zuhören, für die Begleitung, aber auch zur finanziellen Unterstützung. Wenn etwa bei Versicherungen der Schaden nicht ausgeglichen werden konnte und Opfer in Bedürftigkeit gerieten.

KNA: Was waren das für Mitarbeiter, und was sollten sie mitbringen?

Müller-Piepenkötter: Das waren Polizisten, Psychologen, Kaufleute.

Der Weiße Ring bildet die Mitarbeiter aus, das hat er von Anfang an getan. Sie werden heute von Mentoren begleitet in der ersten Zeit, es laufen Seminare. Es kann jeder mitarbeiten, der psychisch stark genug ist, der sich Menschen in Not zuwenden möchte.

KNA: Warum muss man psychisch besonders stark sein?

Müller-Piepenkötter: Traumatherapeuten sagen, dass das wichtigste für jemanden, der ein traumatisches Erlebnis hatte, eine stabile Persönlichkeit ist. Die ihm erlaubt, zur Ruhe zu kommen, sich selbst wiederzufinden, die zuhört, die nicht kommentiert und die in der Lage ist, professionelle Distanz zu wahren.

KNA: Was waren die wichtigsten Entwicklungen beim Weißen Ring?

Müller-Piepenkötter: 1976 wurde das Opferentschädigungsgesetz erlassen. Wir haben in der politischen Arbeit zum Beispiel erreichen können, dass durch Opferschutzgesetze die Stellung von Betroffenen und die Ansprüche auf Informationen in den Ermittlungsverfahren sehr stark verbessert worden sind - zuletzt im vergangenen Jahr durch das dritte Opferrechtsreformgesetz.

Wir haben seit 1991 den Tag der Kriminalitätsopfer, der immer wieder auf die Problematik aufmerksam macht. Denn es ist ein großes Problem für Opfer, dass die Nachbarschaft, die Kollegen nur eine zeitlang in der Lage sind, zuzuhören. Dann werden Mitarbeiter des Weißen Rings gebraucht, weil sich nicht jeder mit dem Leid teils über Jahre auseinandersetzen kann.

KNA: Gibt es denn solche Fälle?

Müller-Piepenkötter: Nehmen Sie die Opfer des Anschlags auf die Westberliner Diskothek La Belle 1986. Danach sind Opfer bis zu 15 Jahre von uns begleitet worden. Das ist ein Extremfall. Aber ein paar Jahre dauert es manchmal schon, weil es eben auch dauert, Ansprüche durchzusetzen. Ermittlungen und Strafverfahren ziehen sich hin, und damit kommen immer wieder neue Belastungen. Solange sind unsere Mitarbeiter da.

KNA: Welche Schwerpunkte hat der Weiße Ring heute?

Müller-Piepenkötter: Wir wollen unsere Erreichbarkeit verbessern. Seit September 2010 haben wir das Opfer-Telefon mit der Rufnummer 116 006, bei dem wir pro Woche rund 260 geführte Gespräche verzeichnen. Darüber hinaus haben wir aktuell auch eine Onlineberatung eingerichtet. Damit wollen wir noch einen weiteren und anonymen Zugang zu unserem Hilfsangebot schaffen.

Ein großes Thema ist Stalking in der Opferentschädigung. Immer wenn sich Kriminalität verändert, kommt Politik in der Regel nur sehr verzögert nach. Stalkingopfer, die erhebliche psychische Schäden erleiden, bekommen nach dem Gesetz keine Entschädigung für Berufsschadensausgleich, für Therapien. Grund ist, dass das Opferentschädigungsgesetz einen tätlichen Angriff voraussetzt. Dann kümmern wir uns auch um Jugendliche, da geht es etwa um Cybermobbing.

KNA: Welche Forderungen richten Sie an die Politik?

Müller-Piepenkötter: Die Veränderung des Opferentschädigungsgesetzes, was Stalking angeht sowie die Veränderung des Strafgesetzbuches in Sachen Mobbing, insbesondere Cybermobbing. Diese Straftaten werden im Gesetzbuch nicht richtig erfasst.

KNA: Kümmert sich der Weiße Ring auch um Flüchtlinge, die Opfer von fremdenfeindlichen Straftaten geworden sind?

Müller-Piepenkötter: Im Rahmen unserer Möglichkeiten, die begrenzt sind, wenn man sich die Zahl der Flüchtlinge ansieht. Es ist das Selbstverständnis des Weißen Rings, dass wir nicht schauen, woher das Opfer kommt, sondern wer hier in Deutschland Opfer geworden ist. Wir brauchen natürlich Dolmetscher. Die Kontakte laufen über die in Asylbewerbereinrichtungen tätigen Organisationen wie die Caritas. Es kommen auch andere Helfer und die Polizei zu uns.

Das Gespräch führte Leticia Witte.

 

Quelle:
KNA