"Gibt es überhaupt noch Männerrollen?" Mit dieser Frage startet ein Ausstellungs-Parcours auf dem Katholikentag rund um das Männerbild von heute. Keine leichte Frage mit Blick auf die Veränderungen, die die weibliche Emanzipation in den letzten Jahrzehnten dem männlichen Geschlecht eingebracht hat. Während Frauen zunehmend berufstätig sind und Führungspositionen erobern, nähern sich Männer auch bislang klassisch weiblichen Bereichen an wie Kindererziehung, Haushalt oder der Arbeit als Erzieher im Kindergarten.
Die Ausstellung "Männer.Leben.Vielfalt" zeigt vor diesem Hintergrund die Lebenswirklichkeiten von Jungen, Männern und Großvätern. In 28 Interviews wurden Jungen und Männer im Alter von 9 bis 81 Jahren Fragen gestellt wie: "Wer muss ich eigentlich sein?" oder "Was gut ist bestimme ich?". Dahinter steht das Modellprojekt "Intergenerationelles Lernen" der Katholischen und Evangelischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz.
Klassisches Männerbild löst sich auf
"Das klassische Männerbild vom Berufsmann, der seine Familie versorgt, ist im Begriff, sich aufzulösen", sagt der Leiter der kirchlichen Arbeitsstelle für Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen (AfM), Andreas Ruffing, der sich als Experte am Projekt beteiligt hat. "Während der Mann früher in erster Linie der Ernährer war und bestimmte Lebensbereiche ganz ausblenden konnte, hat er heute viel mehr Optionen", so der 54 Jahre alte Seelsorger. Die katholische Männerarbeit versuche Männer bei diesem Suchprozess zu begleiten.
"Gemeinsam unbebautes Lebensland", nennt es Ruffing. Manche Männer kämen zu ihm und sagten: "So, wie ich bisher gelebt habe, funktioniert es nicht mehr." Wichtig sei dabei der Vergleich mit dem eigenen Vater. "Der Wandel der Männerrollen zeigt sich nirgendwo so deutlich wie im veränderten Bild von Vaterschaft", sagt Ruffing zu der Ausstellungsfrage "Was wohl mein Vater über mich denkt?" "Männer wollen heute aktivere und präsentere Väter sein als sie es in der Regel bei ihren eigenen Vätern erlebt haben", so Ruffing. Aktive und präsente Väter gerieten jedoch ebenso wie die Mütter schnell in das Vereinbarkeitsdilemma von Familie und Erwerbsarbeit. Da brauche es auch tolerantere Chefs, die nicht gleich argwöhnisch sagten: "Du bist doch ein Mann!"
Der 19-jährige Matthias Quirin aus Koblenz freut sich, dass es auf diesem Katholikentag ein gemeinsames Zentrum für Männer und Frauen gibt. Von sich selbst behauptet er, sehr "weiblich erzogen" worden zu sein. "Ich war viel mit meiner älteren Schwester unterwegs, die hat mich geprägt", sagt er. Er fühle sich nicht in eine bestimmte Geschlechterrolle gedrängt. "In erster Linie fühle ich mich als Mensch und nicht als Mann". Er könne sich auch vorstellen, später für die Erziehung seiner Kinder zu Hause zu bleiben.
"Sind doch eh alle gleich! Oder?"
Die 48-jährige Kantorin Nicola Strachanowski aus Hamburg blickt nachdenklich auf die Frage: "Sind doch eh alle gleich! Oder?". Eine Partnerschaft auf Augenhöhe funktioniere bei ihrer Schwester und deren Mann sehr gut. "Die machen wirklich alles gemeinsam aus - Urlaub, Einkäufe, Kindererziehung". Es sei doch angenehm, wenn man sich auf seinen Partner so verlassen könne, so Strachanowski.
Strachanowski selbst ist seit 15 Jahren von ihrem Mann geschieden. Ihr Mann habe sich ab einem gewissen Punkt immer mehr zurückgezogen. Ihrer Ansicht nach sprechen Männer und Frauen oft eine unterschiedliche Sprache. "Wichtig ist eben eine offene Kommunikation der Partner", sagt sie. "Auch kleine Dinge muss man ansprechen. Schließlich steht einem ja nicht auf die Stirn geschrieben, wenn man anderer Meinung ist."
"Männer beten anders als Frauen"
Nach Ansicht von Seelsorger Ruffing ist es nach wie vor wichtig, dass Männer und Frauen jeweils eigene Bereiche bewahren. "Männer beten zum Beispiel anders als Frauen", so Ruffing. In der Nacht vom Gründonnerstag auf Karfreitag böten zum Beispiel einige Diözesen eine Nachtwache an, bei der die Männer bis sechs Uhr morgens und teilweise bei Schnee und Regen verschiedene Stationen abwanderten. "Natur mögen Männer als spirituellen Raum besonders", so Ruffing. So eine Nachtwanderung sei schließlich auch eine Herausforderung an sich selbst.