Zwischen Waldmünchen und Domazlice liegen 17,3 Kilometer Luftlinie - und die deutsch-tschechische Grenze, die nicht mehr viel Trennendes an sich hat. Nicht allzu lang hielten deshalb in der vergangenen Woche Irritationen an, als tschechische Medien bekanntmachten, dass der Weihnachtsbaum für den Papst - gestiftet vom bayerischen Waldmünchen - eigentlich aus einem tschechischen Wald stammt. Deutsche Zeitungen griffen die Sache auf, sogar von einem "Grenzstreit" war die Rede. Dabei war alles nur ein Sturm im Glühweinbecher.
"Uns hat das schon hart getroffen, wie die Geschichte aufgebauscht wurde", beschwert sich Alois Frank, Vorsitzender des Waldmünchner Trenckvereins, der jährlich die gleichnamigen Freilichtspiele ausrichtet und den Baumtransport nach Rom organisiert hat. Seit einem Jahr arbeiteten sie mit Unterstützung von Waldbauern an dem Projekt, berichtet Frank über die Suche nach einem Nadelholz, das bei makellosem Wuchs die vatikanischen Längenvorgabe von mindestens 20 Metern erreichen sollte.
Die Kunde drang auch ins nahe Böhmen. "Eines Tages bot uns der Forstdirektor von Domazlice eine Fichte an - es war der Baum, nach dem wir wochenlang gesucht hatten." Direkt am früheren Eisernen Vorhang, neben einem alten Wachhaus, gedieh das Prachtexemplar. Gepflanzt hatten es dort Ende der 1960er Jahre Kommunisten.
Den Standort hielten die Waldmünchner lange geheim, um die Unversehrtheit des Baums nicht zu gefährden. Stattdessen verkündete ihre Internetseite zunächst, der Baum stamme "aus der Oberpfalz". Dass ihnen das später Scherereien einbringen würde, vermutete wohl niemand. "Warum auch?", empört sich Frank. "Der Domazlicer Bürgermeister hat sofort Ja gesagt und uns die Fichte umsonst überlassen, damit wir sie dem Papst schenken können." Die beiden Städtchen verbinde eine sehr gute Freundschaft. Das war 1984 noch anders, als der päpstliche Weihnachtsbaum schon einmal aus Waldmünchen kam. Damals lag die Gemeinde noch am äußersten Rand der westlichen Welt.
"Aus dem Zentrum Europas ins Zentrum der Christenheit", beschrieb der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer dagegen jüngst die diesjährige Route, die den Baum auf einem Tieflader durch vier Länder führte. Zur Audienz mit Papst Franziskus für Voderholzer und die Pilger aus seinem Bistum am Freitag lud der Regensburger Bischof auch seinen Amtsbruder Frantisek Radkovsky aus dem tschechischen Pilsen ein. An der Erleuchtung des Baums am Abend nahm auch der Prager Kardinal Dominik Duka teil, der gerade aus dienstlichen Gründen am Tiber weilt. Außerdem kamen Vertreter der bayerischen Landesregierung und der Bundesregierung nach Rom.
Ein Geschenk Bayerns
"Der Baum ist ein Geschenk Bayerns", betonte in dieser Woche der tschechische Botschafter beim Heiligen Stuhl, Vosalik Pavel. Doch er sei auch die Frucht einer "faszinierenden Kooperation": Bayern und Böhmen verbinde eine große Weihnachtstradition und ein Brauchtum mit weltweiter Ausstrahlung.
Auch in Argentinien lieben Menschen Weihnachtsbäume. Nur wachsen sie dort kaum und sind meist aus Plastik. Für den Papst vom Rio de la Plata dürfte ein Original von dieser Größe ein ungewohntes Vergnügen sein. Bei der Audienz für die rund 300 Pilger und die beiden Bischöfe dankte er den Deutschen für den "majestätischen Baum" und wünschte den Menschen in der Bundesrepublik "Frohe Weihnachten". Vor allem Bayern verbinde eine enge Freundschaft und spirituelle Nähe mit dem Heiligen Stuhl. Aber Franziskus vergaß auch nicht den Hinweis, dass die bayerische Fichte aus Tschechien komme und "internationalen" Charakter habe. Danach begrüßte er jeden Gast einzeln; viele Waldmünchener waren in ihren historischen Festspieluniformen aus dem 18. Jahrhundert in den Vatikan gekommen.
Der Baum, geschmückt mit 2.000 Silberkugeln und 1.000 Lichtern, soll bis Anfang Februar brennen. Danach beginnt für die Fichte ihr drittes Leben: Ihr Holz wird traditionell zu Kinderspielzeug verarbeitet.