Welthungerhilfe-Chefin Dieckmann hofft auf Erhalt der Frauenrechte

"Es ist nicht alles gut in Afghanistan, aber vieles besser"

Bärbel Dieckmann, seit 2008 Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe, will die Aufbau-Arbeit ihrer Organisation in Afghanistan auch nach dem Abzug der NATO-Kampftruppen fortsetzen. Die frühere Bonner Oberbürgermeisterin im epd-Interview.

 (DR)

epd: Frau Dieckmann, wie gut ist Afghanistan auf den Winter eingestellt?

Dieckmann: Der Winter ist in Afghanistan jedes Jahr eine Herausforderung. Viele Straßen, Siedlungen und Camps werden durch Schnee und Eis unpassierbar. Es lässt sich nicht absehen, ob der Zugang zu einigen Gebieten durch den allmählichen Abzug der ausländischen Kampftruppen zusätzlich erschwert wird. Wir arbeiten seit 20 Jahren in Afghanistan - und versuchen, die Vorsorge mit unseren Partnern so gut wie möglich zu treffen.

epd: Was bedeutet der Abzug der NATO für die Welthungerhilfe?

Dieckmann: Im Moment ändert sich in unseren Projekten nichts Greifbares. Die Welthungerhilfe steht in der Kontinuität. Wir waren vor der Bundeswehr in Afghanistan und wir werden nach der Bundeswehr in Afghanistan bleiben. Wir werden sehen, ob die Sicherheitslage hält. In Kundus haben schon afghanische Kräfte die Aufgaben der Bundeswehr übernommen. Das ist richtig so. Aber es wird sich zeigen müssen, ob sie in der Lage sein werden, für die Sicherheit der Bevölkerung zu sorgen. Das größte Risiko ist, dass es zunehmende Offensiven bewaffneter Gruppierungen geben könnt.

epd: Befürchten Sie Rückschläge bei den sozialen Errungenschaften?

Dieckmann: Wir hoffen sehr, dass die Erfolge der letzten Jahre im ländlichen Wiederaufbau mit besonderen Schwerpunkten auf Landwirtschaft, Infrastruktur und Wasserversorgung erhalten bleiben. Es hat Fortschritte gegeben. Es ist nicht alles gut in Afghanistan, aber die Lebensbedingungen haben sich verbessert.

epd: Aber sind nicht gerade die Frauenrechte gefährdet, wenn die Taliban wieder an Macht gewinnen?

Dieckmann: Darüber möchte ich heute noch kein Urteil abgeben. Wir hoffen - und wir werden in unserer Arbeit alles dafür tun, dass die gesellschaftlichen und sozialen Fortschritte nicht verloren gehen. Ich bin mir ganz sicher, dass es noch Konflikte in Afghanistan geben wird. Eine Prognose aber wage ich nicht. Wir können nur hoffen, dass die Zivilbevölkerung inzwischen die Stärke hat, selbst Frauenrechte und Bildung durchzusetzen.

epd: Kann die Welthungerhilfe ihre Projekte unverändert weiterführen?

Dieckmann: Wir haben im Moment überhaupt keine Bedenken. Unser Schwerpunkte sind Landwirtschaft und Wasser. Wir arbeiten in Ländern wie Afghanistan ja ohnehin schon mit einem ausgefeilten Sicherheitskonzept. Wir lassen uns auch beraten. Bewaffnete Wächter setzen wir nicht ein.

epd: Frau Dieckmann, Sie waren selbst in Afghanistan. Wie gefährlich ist das Land? 2007 wurden zwei Mitarbeiter der Welthungerhilfe getötet.

Dieckmann: Ich möchte den Blick nicht auf Afghanistan beschränken. Wir arbeiten in vielen Ländern, die nicht ungefährlich sind. Es ist unsere Aufgabe, das bestmögliche zu tun, um die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu schützen. Das gilt für die Deutschen wie für die Einheimischen. Wir arbeiten in Bürgerkriegsländern wie Mali oder Kongo, in Somalia, im Sudan und in Syrien. Wir versuchen, mit einem sehr klaren Sicherheitsmanagement zu arbeiten, und trotzdem wissen unsere Mitarbeiter, dass sie nicht gefahrlos leben.

epd: Rechnen sie mit einer Instabilität im Zuge der Präsidentenwahl im nächsten Jahr in Afghanistan?

Dieckmann: Wir arbeiten in vielen Ländern, in denen Wahlen Instabilität bringen, Beispiel Simbabwe. Natürlich gibt es auch die Situation, dass wir unsere Leute herausholen müssen, wie in Mali oder im Kongo. Deshalb unterscheidet sich Afghanistan für uns in dieser Beziehung gar nicht so sehr von anderen Ländern. Unser größter Schutz ist die einheimische Bevölkerung, mit der wir eng zusammenarbeiten. Wir arbeiten mit beiden Füßen auf dem Boden. Und die Ergebnisse unserer Arbeit sind für die Menschen unmittelbar spürbar. Von unseren etwa 250 Mitarbeitern in Afghanistan sind 245 Einheimische, die dort verwurzelt sind.

epd: Wie sehen Sie die Zukunft Afghanistans?

Dieckmann: Eine Prognose will ich nicht stellen. Ich hoffe, dass die Stabilität größer geworden ist. Es wäre ganz schrecklich, wenn es anders wäre. Ich wünsche dem afghanischen Volk, dass es von Rückschlägen verschont bleibt.


Quelle:
epd