domradio.de: Geht es bei der Sendung um einen Erkenntnis- oder Unterhaltungsgewinn?
Habbe: Einerseits ist eindeutig das Bemühen der Sendungsmacher zu erkennen, die Flüchtlingswege und die Schicksale der Menschen darzustellen; dass man authentische Lebensbedingungen von Flüchtlingen in Deutschland zeigt. Und ich schätze, dass es sich in den kommenden Folgen auch so in den Herkunftsländern fortsetzen wird. Auf der anderen Seite ist das natürlich schon eine sehr künstliche Situation: Wenn da Menschen hingebracht werden, die eigentlich überhaupt nicht von Not getrieben sind; die aus einem ganz behüteten westeuropäischen Staat kommen. Und was ich auch zwiespältig finde, ist, dass eben zu dem Sendungskonzept offensichtlich auch gehört, dass man erst mal relativ unreflektiert die Vorurteile, die gegenüber Flüchtlingen da sind, aussprechen lässt.
domradio.de: Damit sprechen Sie auch die Besetzung der Sendung an, unter anderem ist da der Nazi-Aussteiger Kevin Müller, der in die Kameras sagt, er hätte Angst gehabt, Deutschland werde überfremdet. Wie empfinden Sie diese Besetzung?
Habbe: Auf der einen Seite sind wir froh über jede ernsthafte Auseinandersetzung mit der Not von Flüchtlingen in Deutschland und weltweit. Auf der anderen Seite habe ich gemischte Gefühle dabei, wenn in einem frühen Teil der Sendung gesagt werden kann, Deutschland könne ja nicht jeden aufnehmen und jedem helfen. Die üblichen Vorurteile, die jeder tatsächlichen Grundlage entbehren: Deutschland ist weit davon entfernt, überhaupt von so vielen Flüchtlingen in Anspruch genommen zu werden. Wir haben auf der Welt 40 Millionen Menschen auf der Flucht, und nur ein Bruchteil davon kommt wirklich nach Deutschland. Und als Nächstes wird dann gezeigt, wie Menschen, die gerade noch solche Sätze gesagt haben, erschüttert sind und hemmungslos weinen, weil sie erleben, was den Alltag von Flüchtlingen ausmacht: nämlich überleben zu müssen in sehr belastenden Situationen.
domradio.de: Im Trailer heißt es ja auch, die Prominenten würden am "eigenen Leib erleben, was es heißt, auf der Flucht zu sein". Ist es nicht zynisch, so etwas zu behaupten?
Habbe: Das ist schlicht unmöglich. Die Situation, die einen Menschen aus einem Bürgerkriegsland dazu treibt, seine Heimat zu verlassen, seine Familie zu verlassen, sich auf eine Tausende Kilometer weite gefahrvolle Reise zu machen, kann man so nicht nachvollziehen. Man kann auch die Emotionen, die damit verbunden sind, nicht induzieren. Was man erreichen kann, ist, dass geglaubte Sicherheit in Frage gestellt wird, dass eine gewisse Erschütterung eintritt. Aber es ist eben auch immer gefährlich nah an der Grenze dazu, dass das Elend nur zur Schau gestellt wird. Und da, wo dieses Format seine Attraktivität auch aus dem Aufeinanderprallen verschiedener Charaktere beziehen soll, befindet es sich ein bisschen auf der Ebene des "Dschungelcamps".
domradio.de: Aber es bleibt dabei: Das Thema wird öffentlich besprochen, also ein positiver Effekt?
Habbe: Wir hätten uns mehr gefreut, wenn das über solide Dokumentationen geschehen würde. Denn ein Effekt, der jetzt eintritt und unser Gespräch ja leider prägt, ist, dass man viel stärker darüber spricht: Darf man das so zeigen? Ist das erlaubt? Und damit entfernt sich die Aufmerksamkeit auch schon wieder von den Flüchtlingen selber - hin zu der Idee der Sendungsmacher.
domradio.de: Die Flüchtlinge kommen in der Diskussion also zu kurz?
Habbe: Im schlimmsten Fall kommt es so. Dennoch hoffen wir, dass die Sendung auch den Fokus auf die Not von Flüchtlingen lenkt. Und dass dadurch vielleicht auch politisch Einiges in Bewegung kommt.
Das Gespräch führte Ina Rottscheidt.