Paraguay feiert 200 Jahre Unabhängigkeit

Alte Fesseln abschütteln

Paraguay - die Insel ohne Meer. Nicht nur wegen des fehlenden Zugangs zum Wasser wurde das Land im Herzen Südamerikas lange so genannt, sondern auch wegen seiner politischen und wirtschaftlichen Isolation. Heute noch gilt der Binnenstaat als eines der ärmsten Länder Südamerikas. Aber Aufbruch und Modernisierung im Land sind merklich spürbar.

Autor/in:
Camilla Landbö
 (DR)

Paraguay wird selbstbewusster. Am Wochenende feiert es 200 Jahre staatlicher Unabhängigkeit - mit einem optimistischen Blick in die Zukunft. "Die Paraguayer sind stolz darauf, trotz aller Rückschläge nie aufgegeben zu haben", sagt der deutschstämmige Historiker Hans Theodor Regier aus Asuncion. Zudem habe das Land 2010 die höchste Wachstumsrate auf dem Kontinent verzeichnen können. "Heute zählt Paraguay wieder zu jenen Ländern mit einem interessanten Entwicklungspotenzial", so Regier. Es unterscheide sich zudem von seinen Nachbarn dadurch, dass die spanischen Eroberer und die Urbevölkerung - die Guarani - sich von Anfang an vermischt hätten. Von den rund 6,5 Millionen Paraguayern sind heute mehr als 90 Prozent Mestizen. Sowohl Spanisch als auch Guarani sind offizielle Landessprache.



Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Paraguay eines der reichsten Länder Südamerikas. Wirtschaftlich unabhängig, frei von Schulden, hatte es keine Hungrigen und verfügte über das erste Eisenbahnnetz sowie die beste Armee auf dem Kontinent. "Den Nachbarn war Paraguay ein Dorn im Auge", betont Regier. Brasilien, Uruguay und Argentinien schlossen sich zur sogenannten Tripel-Allianz zusammen - und binnen fünf Jahren (1865-1870) machten sie Paraguay dem Boden gleich, plünderten Städte, zerstörten die Industrie. Der Binnenstaat verlor nicht nur die Hälfte seines Territoriums, sondern auch bis zu zwei Drittel seiner Bevölkerung.



Jeder Fünfte in extremer Armut

Heute gelten rund 35 Prozent der Paraguayer als arm; 20 Prozent leben in extremer Armut. "Das ist unter anderem eine Folge des Tripel-Allianz-Krieges", meint Regier. Besonders von Armut betroffen ist die Urbevölkerung, die nach wie vor wenig Zugang zu Bildung und Gesundheit hat. Als Arbeitskräfte werden die Indigenen nicht selten ausgenutzt. Meist erhalten sie nur die Hälfte des vorgeschriebenen Mindestlohns, wie ein jüngster Bericht des Internationalen Gewerkschaftsbundes festhält.



Seit Mitte des 20. Jahrhunderts regierte in Paraguay über 60 Jahre die Partei "Colorado". Auch der deutschstämmige Diktator Alfredo Stroessner (1954-1989), der Kommunisten und linksgerichtete Geistliche verfolgen ließ, gehörte dieser konservativen Traditionspartei an. Korruption gehörte zum Alltag. Noch heute zählt Paraguay zu den korruptesten Ländern Südamerikas.



Die Hoffnung der Armen: 2008 wählten die Paraguayer den früheren Bischof Fernando Lugo zum Staatsoberhaupt und beendeten somit die langjährige Colorado-Herrschaft. Der sozial ausgerichtete Katholik versprach der Bevölkerung, Korruption und Armut zu vermindern, das Bildungs- und Gesundheitswesen auszubauen und Land an die arme Bevölkerung zu verteilen. Paraguay ist ein stark agrarisch geprägtes Land. Der Landbesitz birgt allerdings viel sozialen Sprengstoff: Kleinbauern haben für die Bewirtschaftung nur einen kleinen oder gar keinen Acker mehr. Mittlere und Großunternehmen haben sich über die Jahre für Viehwirtschaft und Soja-Anbau riesige Ländereien angeeignet.



"In Bildung und Gesundheit hat Lugo investiert", sagt der Historiker Regier. Die Korruption sei jedoch kaum zurückgegangen. Auch eine tiefgreifende Agrarreform und eine Verminderung der Armut stünden noch aus. Tatsache ist: Lugo hat es nicht einfach. Im Parlament etwa kann er mit keiner Mehrheit rechnen. Viele Gesetzesprojekte kommen nur schleppend voran oder werden verhindert. In der vergangenen Woche musste Lugo anlässlich der bevorstehenden Unabhängigkeitsfeier einräumen: "Trotz Wirtschaftswachstums haben wir alte Probleme wie Armut und Arbeitslosigkeit noch nicht gelöst."