Polen streitet heftig über Beisetzungsort für Kaczynski

Proteste statt Trauer

Zuerst sah es so aus, als wäre Polen eine einzige Trauerfamilie. Doch nun droht der Streit um den Beisetzungsort des bei einem Flugzeugunglück getöteten Staatspräsidenten Lech Kaczynski und seiner Frau Maria zur Schlammschlacht auszuarten.

Autor/in:
Oliver Hinz
 (DR)

In der Kritik steht dabei ausgerechnet der angesehenste Bischof des Landes, der ehemalige Papstsekretär und heutige Kardinal Stanislaw Dziwisz. Er billigte die Bestattung der Kaczynskis neben den Nationalhelden in der symbolträchtigsten Kirche des Landes, der Kathedrale des Krakauer Königschlosses Wawel.

2.000 Menschen protestierten nach Polizeiangaben am Mittwochabend vor dem Bischofssitz im südpolnischen Krakau gegen die Entscheidung. Am Tag zuvor waren es 500 Demonstranten. Auch in Warschau und fünf weiteren Großstädten gingen jeweils Dutzende Menschen auf die Straße. Sie empfinden das Begräbnis in der Krypta der Wawel-Kathedrale als anmaßend.

«Innerpolnischer Krieg um den Wawel»
Die Anhänger der dortigen Beisetzung des Präsidentenpaares halten dagegen. 700 Menschen versammelten sich mit Transparenten («Wir danken dem Kardinal») zu einer Art Gegendemonstration in Krakau. Die Tageszeitung «Dziennik» brachte die Lage am Donnerstag mit der Titel-Schlagzeile «Innerpolnischer Krieg um den Wawel» auf den Punkt..

Es ist ein politischer Streit. Etliche Polen vermuten, der konservative Oppositionsführer und Zwillingsbruder des toten Präsidenten, Jaroslaw Kaczynski, wolle mit der Beisetzung in der Wawel-Kathedrale aus der beispiellosen Tragödie Kapital schlagen. Denn eine Bestattung dort ist die höchste Ehre für einen Polen. Hier wurden Jahrhunderte lang die Könige in ihr Amt eingeführt und beigesetzt. In der Krypta ruhen aber etwa auch der Nationaldichter Adam Mickiewicz und natürlich Heilige der katholischen Kirche.

Wer hatte die Idee?
Die engsten Mitarbeiter von Jaroslaw Kaczynski, der womöglich seinen Bruder als Präsident beerben will, streiten allerdings ab, dass das Begräbnis neben den Nationalhelden seine Idee gewesen sei. Vielmehr hätten der Bruder und die übrigen Angehörigen davon erst überzeugt werden müssen. Sie hätten zunächst den Warschauer Powazki-Friedhof favorisiert, sagte am Donnerstag der Vizechef der Präsidentenkanzlei, Jacek Sasin.

Dafür geriet Kardinal Dziwisz ins Blickfeld. Mehrere Medien behaupten, die Initiative zu der Beisetzung unter der Wawel-Kathedrale sei von ihm ausgegangen. Sofort kam das Dementi:
«Es war nicht meine Initiative», sagte Dziwisz, sondern von Familienangehörigen und «vielen, vielen weiteren Personen».
Bronislaw Komorowski, der als Parlamentspräsident die Amtsgeschäfte des Staatsoberhaupts übernommen hat, und ein Regierungssprecher erklärten indes, sie hätten mit der Entscheidung nichts zu tun. Sie habe allein bei der Familie des Präsidentenpaares gelegen.

Klima der Verdächtigungen
Niemand will also die Wawel-Kathedrale vorgeschlagen haben. Es herrscht ein Klima der Verdächtigungen. Politiker der konservativen Kaczynski-Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) werfen der rechtsliberalen Regierungspartei Bürgerplattform (PO) vor, sie stecke hinter den Protesten gegen den Beisetzungsort, die auch am Donnerstagabend fortgesetzt werden sollten. Nun appelliert unter anderen der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Jozef Michalik, die Demos einzustellen und sich mit der Entscheidung abzufinden.

Doch das wird eher nicht geschehen. Selbst dem hoch angesehenen Ex-Außenminister und heutigen Deutschlandbeauftragten der Regierung, Wladyslaw Bartoszewski, fehlt nach eigenen Worten jedes Verständnis für das Begräbnis in dem Nationalheiligtum. «Präsidenten sollen in der Hauptstadt beigesetzt werden. Und die Hauptstadt ist heute Warschau und nicht Krakau.»

Seperate Gruft
Unter der Kathedrale laufen derweil in einem Nebenraum der Gruft von Marschall Jozef Pilsudski (1867-1935) längst die Vorbereitungen für die Beisetzung am Sonntagnachmittag. Pilsudski, das erste Oberhaupt des polnischen Staates nach dessen Wiederentstehung 1918, war ein Vorbild von Lech Kaczynski. Aber auch sein Begräbnis in der Krypta neben Königen war umstritten. Deshalb ließ der damalige Krakauer Erzbischof seinen Sarg zwei Jahre später in eine separate Gruft verlegen, die nicht vom Inneren der Kathedrale, sondern von außen betreten werden kann.