Als preiswerte Bibeln unters Volk kamen

Gottes Wort für jedermann

Mit einem Festgottesdienst in Dortmund wurde heute an die Gründung der Cansteinschen Bibelanstalt vor 300 Jahren erinnert, die älteste Bibelanstalt der Welt. Die Predigt hielt der der westfälische Präses Alfred Buß. Das auf Carl Hildebrand Freiherr von Canstein zurückgehende Unternehmen ermöglichte die Produktion von handlichen und günstigen Bibeln.

Autor/in:
Corinna Buschow
 (DR)

Irgendwann muss dem Prinzen von Anhalt-Zerbst, Anton Günther, seine Bibel zur Last geworden sein. Ganze 9,5 Kilogramm wog das Buch, das der fromme Prinz auch auf seine Feldzüge mitschleppte - ein damals durchaus übliches Gewicht. Im Jahr 1710 trennte er sich von dem in Leder gebundenen Kunstwerk alten Druckerhandwerks und schenkte es den Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale für das Archiv. Denn in den Stiftungen wurden seit neuestem leichte und preiswerte Bibeln gedruckt.

Idee und Verwirklichung dieser neuen Bibel-Massenproduktion gingen auf Carl Hildebrandt Freiherr von Canstein (1667-1719) zurück, in dessen Tradition sich noch heute Bibelwerke und Bibelzentren in Deutschland verstehen. Im Blick hatte von Canstein dabei weniger adlige Reisende, sondern die normale Bevölkerung, für die auch gut 250 Jahre nach Johannes Gutenbergs revolutionärer Buchdruckerfindung eine Bibel immer noch unerschwinglich war.

In Zusammenarbeit mit dem Gründer der Franckeschen Stiftungen, August Hermann Francke (1663-1727), der in Halle eine Schulstadt mit Waisenhaus aufgebaut hatte, veröffentlichte von Canstein am 1. März 1710 einen "ohnmaßgeblichen Vorschlag" dazu, "wie Gottes Wort den Armen zur Erbauung um einen geringen Preiss in die Hände zu bringen" sei.

Die Kosten für Setzer können gespart werden
Zur Verwirklichung nutzte er das aus Holland stammende Druckverfahren im "Stehenden Satz". Anders als mit Gutenbergs beweglichen Lettern wurden in dem Verfahren vor dem Druck alle Seiten des Buches auf Platten gesetzt. In der Anschaffung war diese Technik zwar teurer. Langfristig konnten aber die hohen Kosten für die Setzer gespart und die Bibeln günstiger produziert werden.

Im Jahr 1712 war schließlich das Neue Testament für zwei Silbergroschen erhältlich. Das umfangreichere Alte Testament und damit die gesamte Bibel erschienen fünf Jahre später, im Jahr 1717, in der Cansteinschen Bibelanstalt in Halle. Was dort vor 300 Jahren begann, ist heute noch Auftrag der Bibelwerke in Deutschland.

Für Westdeutschland wurde 1951 in Bielefeld-Bethel die "von Cansteinsche" Bibelanstalt neu gegründet, ihr Sitz war zunächst in Witten. Seit 2000 ist die "Cansteinsche Bibelanstalt in Westfalen" beim "Amt für missionarische Dienste" der Evangelischen Kirche von Westfalen in Dortmund angesiedelt.

Noch immer Bibeln für Menschen, die sie sich nicht leisten können
Neben der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart als Hauptverlag für Bibeln in verschiedenen Übersetzungen und Ausführungen für Alt und Jung wollen die Bibelwerke Bibelwissen in gläubiger und atheistischer Umwelt vermitteln. "Noch immer geben wir auch Bibeln an Menschen und Institutionen, die es sich nicht leisten können", sagt der Geschäftsführer des Evangelischen Bibelwerkes im Rheinland mit Sitz in Wuppertal, Christoph Melchior. Dazu gehörten Justizvollzugsanstalten, Krankenhäuser und Schulen. In Deutschland lebende Ausländer können vom Bibelwerk Übersetzungen in ihrer Sprache bekommen.

In Halle ist dagegen die Beschaffung des "Buches der Bücher" in den Hintergrund getreten. "Wir müssen die Bibel vielmehr wieder in die Köpfe kriegen", sagt der Leiter des "Canstein Bibelzentrums Halle", Walter Martin Rehahn. Gerade im Osten Deutschlands gebe es eine "verlorene Schicht", die mit der Bibel nie in Berührung gekommen sei.

Aber auch in der alten Bundesrepublik registriert sein Kollege Melchior zunehmendes Unwissen. "Vor zehn Jahren konnte ich in Konfirmandengruppen 'Mose' sagen und sofort kamen die zehn Gebote oder der Auszug aus Ägypten", sagt er. Heute müsse er das in Schulen und Jugendgruppen, aber sogar auch in Konfirmandenkreisen erklären.

"Volxbibel" und eine "Twitterbibel" für junge Generation
Mit gezielten Jugendbibeln versuchen einzelne Bibelprojekte deshalb, die junge Generation mit jugendgemäßer Sprache wieder an die Heilige Schrift heranzuführen. So gibt es eine "Volxbibel" und eine "Twitterbibel". Die Deutsche Bibelgesellschaft wiederum plant im Herbst die Veröffentlichung des Neuen Testaments als mit kurzen Sätzen verständliche "Basisbibel", kündigt der Lektor des Projekts, Markus Hartmann, an. Die vier Evangelien gebe es bereits in dieser Form.

Der Hallenser Rehahn setzt bei der Vermittlung der Bibel auch auf alle Sinne von Schülern. Besuchergruppen bekommen bei ihm Myrrhe und Matzenbrot zum Kosten. Die Neugier auf die Bibel werde damit gesteigert, ist sich der Theologe sicher.

Zumindest könnten solche Aktionen das Aufnehmen der Bibeltexte erleichtern, sagt Markus Hartmann von der Bibelgesellschaft. Damit sei schon viel erreicht. "Aber das Nachdenken und Reflektieren der Texte, das kann man keinem abnehmen", betont der Lektor. Darauf konnte aber Freiherr von Canstein 300 Jahr zuvor auch nur hoffen.