Der DDR-Bürgerrechtler Jens Reich erhält den Schillerpreis

"Doppelbödig und subversiv"

Der DDR-Bürgerechtler Jens Reich erhält heute den Schillerpreis der Stadt Marbach. In einem Interview erläutert der Naturwissenschaftler, was er mit dem Schriftsteller verbindet, wie die DDR mit dem Dichter umging und was ihm die von Schiller oft beschworene Freiheit bedeutet.

 (DR)

KNA: Herr Reich, seit 2009 verleiht die Stadt Marbach den Schillerpreis an Persönlichkeiten, die in ihrem Leben der Denktradition Schillers verpflichtet sind. Was verbinden Sie persönlich mit Schiller?
Reich: Schiller? Schauderhaft! Ich wurde als Schüler der DDR im Deutschunterricht mit Schiller traktiert, und wir mussten dröge Analysen seiner Werke im marxistischen Geist verfassen. Er wurde uns als steifer Schmied von moralischen Sprüchen nahegebracht. Erst viel später habe ich gute Aufführungen gesehen und habe verstanden, was für eine faszinierende, schwierige, temperamentvolle und chaotische Person Schiller wirklich gewesen ist. Es hätte uns als Jugendliche viel mehr interessiert, wie er wirklich war, in all seinen Widersprüchen.

KNA: Was schätzen Sie besonders an Schillers Denken und seinen Werken?
Reich: Heute grüble ich über den Begriff 'Freiheit' und seine Grenzen. Und da wird mir klar, wie facettenreich und widersprüchlich Schiller den Freiheitsbegriff immer wieder neu durchdacht und in handelnde Szene gesetzt hat. Er ist außerordentlich aktuell.

Und ich habe Schillers Technik der jambischen Blankverse schätzen gelernt, weil sie der deutschen Sprache eine ihr in der Prosa gar nicht innewohnende rhythmische Gestalt verleihen.

KNA: Die DDR hat sich bemüht, Schiller ideologisch zu vereinnahmen.
Zunächst galt er als Vorbereiter des Kommunismus, später durften einige Stücke nicht mehr aufgeführt werden, weil der Freiheitsgedanke darin offenbar zu dominant war. Welche Erinnerungen haben Sie an Schiller in der DDR?
Reich: Ja, sie hatten ihre Schwierigkeiten mit Schiller. Sie bemühten sich, seine Freiheitsideen in Übereinstimmung mit der offiziellen Definition von Freiheit zu bringen: 'Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit'. Das stammt aus dem Anti-Dühring von Friedrich Engels. Mit dieser Vorstellung, jedenfalls in kruder Auslegung, konnte man jedes freiheitliche Aufbegehren in Obrigkeitstreue umbiegen. Nur passt der junge Schiller der 'Räuber'
und der reife des 'Wilhelm Tell' überhaupt nicht dazu. Und 'Don Carlos' ist so doppelbödig, dass er schon deshalb subversiv gelesen wurde. In den letzten Tagen der DDR wurde die Schweriner Aufführung des 'Tell' ganz vordergründig zum theatralischen Fanal, zum Aufstand
- wiederum aber vorbei interpretierend am eigentlichen 'Tell', dem Tyrannenmörder.

KNA: Und welches Freiheitsverständnis haben Sie als katholischer Christ?
Reich: Das ist nun ein ganz anderes Feld. Ich glaube, dass Gott mich wie alle anderen Menschen, aber im Unterschied zu allen anderen natürlichen Kreaturen, mit der Freiheit zur Selbstbestimmung ausgestattet hat, mein Leben selbst zu gestalten und diese Gestaltung zu verantworten. Ich kann die Lehre nicht akzeptieren, dass Gott mich am Lebensende zu Gericht rufen und den Daumen heben oder senken wird, und dann geht es in die Gottesnähe oder Gottesferne. Vielmehr werde ich selbst von ihm gefragt werden, was ich aus meinem Leben gemacht habe, und ich werde selbst am Ende mein strengster Richter sein müssen und Lohn oder Strafe aussprechen müssen.

KNA: Was lesen Sie am liebsten von Schiller?
Reich: Die Antwort ist leicht: die Balladen. Früher mit meinen Kindern, jetzt mit meinen Enkelkindern. Es ist nur schade, dass sich das Deutsche schon nach 200 Jahren so verändert hat, dass die Kinder Schwierigkeiten beim spontanen Erfassen haben.

Das Interview führte Michael Jacquemain.