Viele Obdachlose geben nichts auf ihr Stimmrecht

Politikfrust auf der Parkbank

In Deutschland gibt es rund 265 000 Menschen ohne festes Dach über dem Kopf - zur Bundestagswahl am Sonntag werden wohl nur wenige gehen. Zu tief sitzen Politikfrust und Enttschäuschung. Dabei wäre es gerade wichtig, dass sie ihre Stimme abgeben und gehört werden.

Autor/in:
Christiane Jacke
 (DR)

Im "Warmen Otto" in Berlin stößt der Bundestagswahlkampf auf wenig Begeisterung. Peter steht mit der Suppenkelle in der Küche des Obdachlosentreffs und winkt ab. "Das sind doch immer die gleichen Parolen", sagt er und kippt einen großen Löffel Kohl-Eintopf auf einen Teller. Peter ist 51 und lebt seit drei Jahren auf der Straße. Bei der Bundestagswahl 2005 war sein Leben noch in Ordnung - Job, Wohnung, ein geregelter Alltag. Damals ging er noch wählen. Diesmal nicht - obwohl er auch als Obdachloser die Möglichkeit dazu hätte. "Ich sehe darin keinen Sinn mehr", sagt er, "es tut sich ja doch nichts." Peter ist kein Einzelfall. Die meisten seiner Gefährten auf der Straße geben nichts auf ihr Wahlrecht.

Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe gibt es in Deutschland rund 265 000 Menschen ohne festes Dach über dem Kopf. Einige Obdachlose kommen vorübergehend in sozialen Einrichtungen oder Billigzimmern unter und sind dort gemeldet. Der Rest hat gar keine Meldeadresse. Wenn sie wählen wollen, müssen sie zum Amt gehen und einen Eintrag ins Wählerverzeichnis beantragen. Die Frist dafür ist bereits abgelaufen, doch die Ausbeute ist gering. In Berlin und Hamburg etwa haben sich nur jeweils elf Obdachlose auf diesem Weg für die Wahl gemeldet.

Bundesweit werden die Zahlen nicht erfasst. Die Wahlbeteiligung sei aber sicher überall gering, sagt Werena Rosenke von der BAG Wohnungslosenhilfe, "dabei wäre es gerade wichtig, dass die Leute am Rande der Gesellschaft ihre Stimme abgeben und gehört werden."

"Zum Amt gehen schreckt sowieso schon ab"
Für Peter ist der Weg zur Behörde keine Option. "Zum Amt gehen schreckt sowieso schon ab", sagt er. Peter hat jede Menge Ärger mit Behörden hinter sich. Früher war er Lebensmitteltechniker in der Schokoladenproduktion - ein echter "Workaholic", sagt er. Dann kam ein Todesfall in der Familie, er übernahm die Verbindlichkeiten für jemanden und steckte auf einmal bis zum Hals in Schulden und Prozessen. "Ich wusste damals gar nicht, worauf ich mich eingelassen hatte", erzählt er. Peter wurde krank, erst war der Job weg, dann die Wohnung. Nun hält er sich von Behörden fern.

Dass Peter auf der Straße lebt, sieht man ihm nicht an. Die Kleidung ist gewaschen, der Bart rasiert. Sportlich sieht er aus und gesund. Inzwischen hilft er ehrenamtlich in der Küche im "Warmen Otto" aus. Dort gibt es mittags Eintopf, Kaffee und jemanden zum Reden. Die Obdachlosen sitzen hier an Holztischen, löffeln ihre Suppe und spielen Mensch-ärgere-dich-nicht. Duschen und eine Waschmaschine gibt es auch. Abends ziehen alle weiter.

Ein Infoblatt zur Wahl hängt hier unbeachtet an der Wand. Nachfragen dazu habe es nicht gegeben, sagt Sozialarbeiter Karsten Krull, "das ist hier nicht wirklich ein Thema." Es gibt Wichtigeres - die Suche nach einem Schlafplatz für die Nacht zum Beispiel.

"Aber in der Realität..."
Auch Uwe geht nicht wählen. Der 53-Jährige hilft Peter beim Eintopf-Austeilen in der Küche. "Rein theoretisch gibt es die Möglichkeit, ja", sagt Uwe und lächelt müde, "aber in der Realität..." In seinem alten Leben ist er immer wählen gegangen. "Das gehört ja auch dazu" - zum normalen Leben. CDU-Wähler war er und besonders weit nach links ist er bis heute nicht gerückt. Von zu viel Sozialpolitik will Uwe nichts wissen. "Man muss für sich selbst sorgen", sagt er.

Wie sein eigenes Leben aus den Fugen geraten ist, mag Uwe nicht erzählen. Lieber redet er von anderen - von der Jugend etwa, die dringend wählen gehen müsse. Die jungen Leute müssten begreifen, dass es "mehr als Komasaufen" im Leben gebe, sagt er vorwurfsvoll. Die Möglichkeit seine Stimme abzugeben, "die sollte man wirklich nutzen". Nur sich selbst sieht er außen vor. "Ich habe meine Schuldigkeit getan. Das habe ich alles hinter mir."

Auch im "Seeling-Treff" ein paar Kilometer weiter hält sich der Wahleifer in Grenzen. Im Raucherzimmer des Obdachlosentreffs hocken vier Männer an drei Tischen, mit Kaffeebechern und extra großen Aschenbechern vor sich. Im Fernsehen läuft ein alter Streifen mit Curd Jürgens. Dietmar schaut lustlos zu. Er kommt jeden Tag hierher. Erst seit fünf Wochen lebt er auf der Straße, vorher war er Zimmermann. Als plötzlich seine Frau starb, konnte er sein altes Leben nicht mehr ertragen und schmiss alles hin - die Arbeit, die Wohnung. "Ich habe einfach die Schlüssel in den Briefkasten geworfen und bin weg", erzählt er.

Dietmar ist 48, groß und hager. Sein Gesicht ist verbraucht, aber sein Blick mild. Er raucht Kette. Offiziell ist Dietmar bei seiner Schwester gemeldet, auch wenn er dort nicht lebt. Ihn hat also die normale Wahlbenachrichtigung erreicht - trotzdem vergebens. "Die habe ich gleich weggeschmissen", sagt er. Dann beginnt er, auf die Politik zu schimpfen. "Die bauen doch alle nur Mist." Es ändere sich ohnehin nichts. "Das hat gar keinen Sinn." Auch er hat in seinem früheren Leben ordnungsgemäß gewählt. "Da musste ich", sagt Dietmar und lächelt. Früher habe ihn seine Frau zum Wählen getriezt. Das ist vorbei.