domradio: Was sagen Sie zu diesem Versuch britischer Stammzellforscher?
Weihbischof Anton Losinger: Der embryonale Mensch ist ein Mensch - weil der Mensch vom ersten Augenblick seiner Zeugung an bis hin zu einem friedlichen Tod das Lebensrecht und die Würde der menschlichen Person hat. Deswegen haben wir im Bereich der Kirchen immer schon grundsätzliche Gegnerschaft gegen Embryonen verbrauchende Forschung angemeldet.
domradio: Nun ist das nicht nur embryonale Forschung, sondern geht es auch ganz klar um Chimären. Forscher sprechen hier von einem großen Erfolg. Warum spielen der Wert des menschlichen Lebens und auch ethische Bedenken überhaupt keine Rolle mehr in der heutigen Wissenschaft?
Weihbischof Anton Losinger: Ich denke, dass wir im Bereich der Biomedizin und Gentechnik zur Zeit einen „Hype" haben. Man gibt sich Erfolgs-Versprechungen hin und der Hoffnung auf Heilung, die bisher wissenschaftlich nicht nachgewiesen und auch medizinisch nicht gedeckt sind. Es gibt Gegenargumente in zweierlei Richtung: Das Erste ist, dass überall dort, wo mit diesen Zellen experimentiert wird, der Tumor-Effekt noch nicht endgültig in seiner Deutlichkeit berücksichtigt wird. Etwa das Max-Planck-Institut und das Primatenzentrum in Göttingen haben ja damit experimentiert. Bei der Sektion der davon betroffenen Tiere hat man als Ergebnis letztendlich festgestellt, dass der Tumor-Verdacht, der dadurch auftrat, eigentlich nie zu einer Implantation dieser Zellen - im Sinne einer Therapie - möglich gewesen wäre.
Das zweite Argument hängt sehr stark mit dem Problem eines hohen Widerwillen der Menschen zusammen, Mensch und Tier als Chimäre zu vermischen. Letztendlich ist das auch eine Kulturaufgabe und eine grundsätzliche Überzeugung, dass der Mensch in seiner Identität erhalten werden muss. Deswegen sind wir hier aus ethischen Gründen vehement dagegen.
domradio: Kann denn die Stammzellenforschung weltweit überhaupt noch kontrolliert und von Kirchen oder auch Sozialverbänden beeinflusst werden nachdem, was jetzt in Großbritannien passiert ist?
Weihbischof Anton Losinger: Leider sind ethische Positionen viel zu sehr nationalisiert. Wir brauchen zumindest gemeinsame europäische Grundsätze - und letztendlich auch weltweite gemeinsame Grundsätze. Wenn das stimmt, was in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht, dass nämlich menschliches Leben mit einer Würde und mit Lebensrecht versehen ist, dann muss ein solches Menschenrecht auch im Hinblick auf die embryonale Stammzellforschung weltweit unteilbar sein. Wir wissen allerdings mit aller Klarheit, dass man sich heute im Grunde genommen in Singapur alles Mögliche kaufen kann, was in Deutschland und auch in Europa gar nicht denkbar wäre. Insofern ist, das, was Sie mit einer weltweiten Herausforderung einer ethischen Dimensionierung der Stammzellforschung gemeint ist, eine große und wichtige Herausforderung.
domradio: Was kann denn getan werden, um so etwas in Zukunft zu verhindern?
Weihbischof Anton Losinger: Von meiner Beobachtung der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Deutschland ausgehend, dass ein grundsätzliches Missbehagen und ein Unverständnis der Menschen gegenüber einer solchen Technik dazu führt, dass sie letztendlich nicht gegen den Willen der Bürger realisierbar ist. Der Bürger - der mündige Demokrat - hat durch seine Möglichkeit der Abstimmung, die Möglichkeit auch hier einzugreifen. Was mich mit positiver Hoffnung erfüllt ist etwa, dass derzeit in der Frage des Klimawandels, der ja auch ein weltweiter Effekt ist, solche Einigungsbewegungen der Menschen möglich sind. Warum sollte das in dieser bizarren Situation im Bereich der Gentechnik nicht möglich sein?
domradio: Vielen Dank für das Gespräch!
Ethikrat-Mitglied Weihbischof Losinger warnt im domradio vor Chimären-Experiment
Weil der Mensch Mensch ist
Eine Meldung, wie gemacht für die Boulevardmedien: Britische Forscher schaffen eine Chimären, ein Wesen halb Mensch, halb Kuh. Ein wichtiger Erfolg für die Stammzellforschung, heißt es weiter. Doch ist es das wirklich? "Wir erleben gerade einen Hype", sagt Weihbischof Anton Losinger. Der katholische Theologe ist Mitglied im Nationalen Ethikrat. Im domradio warnt er vor falschen Versprechungen der Wissenschaft und ethischen Problemen der aktuellen Stammzellforschung.
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