Ein bundesweiter Streik würde die deutsche Volkswirtschaft vorraussichtlich eine halbe Milliarde Euro pro Tag kosten, schätzen Wissenschaftler. Tiefensee appellierte an die Tarifparteien, die volkswirtschaftlichen Folgen eines Streiks zu bedenken. Es gehe auch um den Verkehrs- und Logistikstandort Deutschland, betonte der Minister. "Daher ist es notwendig, dass die Tarifparteien möglichst schnell an den Verhandlungstisch zurückkehren und eine tragfähige Lösung finden."
Mit ihren weit reichenden Forderungen findet die Gewerkschaft der Lokführer in der Presse wenig Rückhalt. Die Kommentatoren der deutschen Tageszeitungen schätzen die Forderung nach 31 Prozent mehr Lohn durchgehend als vollkommen unrealistisch ein. Unter der „Starrsinnigkeit" des Gewerkschaftsführers habe man „jedes Maß" verloren, so der Kommentar im Kölner Express. Insgesamt unterschätze Schell, wie abhängig die GDL vom Wohlwollen der Bahnkunden sei, so die Süddeutsche Zeitung. Der Kommentar der Zeitung „Die Welt" zeigt sogar Verständnis für die Harte Haltung der Bahn. Diese müsse „unbedingt verhindern", dass die GDL ihren eigenen Abschluss bekommt -sonst käme eine „unkontrollierbare Kostenlawine" ins rollen, heißt es. (Domradio Presseschau)
Bahnangebot ist "Witz der Woche"
GDL-Chef Manfred Schell schob die Verantwortung für den Ausstand der Bahn zu. Diese habe sich bis zum Ablauf der Friedenspflicht am vergangenen Sonntag geweigert, über einen eigenständigen Lokführertarifvertrag zu verhandeln. Schell warf der DB zugleich vor, sich nicht an das Ergebnis der Moderationsverhandlungen von Ende August gehalten zu haben. Das Tarifangebot, das die Bahn der GDL in der vergangenen Woche vorgelegt hatte, nannte Schell einen "Witz der Woche". "Der Arbeitgeber kann doch nicht im Ernst daran glauben, dass wir über ein Angebot verhandeln, das Entgelterhöhungen nur bei entsprechender Mehrarbeit vorsieht", betonte Schell.
Ab Freitag könnten Nah-, Fern- und Güterverkehr betroffen sein, sagte er. Das Ziel der Bahn, bei einem Streik durch entsprechende Maßnahmen mindestens 50 Prozent des Verkehrs aufrecht erhalten zu wollen, hält die GDL für unrealistisch, da 80 Prozent der Lokführer bei der GDL organisiert seien.
Bahn bleibt hart
Die Deutsche Bahn will auch durch die von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) angekündigten Streiks nicht von ihrer Haltung im Tarifkonflikt abrücken. "Wir lassen uns mit Streiks nicht erpressen", sagte Bahn-Personalvorstand Margret Suckale am Montag in Berlin. Zudem werde man rechtliche Schritte gegen die Arbeitskampfmaßnahmen prüfen. Man könne den Forderungen einer kleinen Berufsgruppe nicht nachgeben. Die Zahl der streikbereiten Lokführer schätzt die Bahn auf 8000. Bei 240 000 Mitarbeitern seien dies lediglich drei Prozent.
Für einen Streik sieht sich der Konzern gut gerüstet. "Die Bahn fährt deshalb auch an Streiktagen", sagte der für den Personenverkehr zuständige Vorstand Karl-Friedrich Rausch. Er räumte aber gleichzeitig ein, dass es zu Störungen kommen werde. Komme es zu einem längeren Streik, würden fast alle ICE und alle Auto- und Nachtzüge unterwegs sein. "Im Regionalverkehr und den S-Bahnen wollen wir über die Hälfte des regulären Fahrplans anbieten", fügte er hinzu. Um die Kunden über Fahrplanänderungen zu informieren, würden über 800 zusätzliche Mitarbeiter eingesetzt.
Zehn Prozent mehr
Gleichzeitig bekräftigte Suckale ihr bereits von der GDL abgelehntes Verhandlungsangebot. Nach Bahn-Berechnungen kann jeder Lokführer dadurch zehn Prozent mehr verdienen. Diese Erhöhung setze sich zusammen aus einer Anhebung der Monatsentgelte um 4,5 Prozent, wie mit den Gewerkschaften Transnet und GDBA vereinbart. Durch wöchentliche Mehrarbeit von zwei Stunden könne eine weitere Anhebung um 5,0 Prozent erreicht werden. Weitere 0,5 Prozent sollen durch Erhöhung der Zulagen erzielt werden.
Die GDL will am Freitag bundesweit befristet den Personen- und Güterverkehr bestreiken. Die Gewerkschaft fordert einen eigenständigen Tarifvertrag, der Entgelt und Arbeitszeitregelungen für Lokführer regelt. Die Gewerkschaft will deutlich höhere Einstiegsgehälter von mindestens 2500 Euro erreichen. Beides lehnt die Bahn ab. Derzeit liegen die Einstiegsgehälter bei 1970 Euro brutto. Hinzu kommen monatlich mehrere hundert Euro an Zulagen.
Service-Hotline
Die Bahn hat für die Kunden eine kostenlose Service-Hotline unter der Telefonnummer 08000 996633 eingerichtet. Auch im Internet will die Bahn über mögliche Einschränkungen im Zugverkehr informieren.
Fahrgäste, die an einem Streiktag aufgrund streikbedingter Zugausfälle oder Verspätungen ihre Reise nicht antreten könnten, hätten die Möglichkeit, ihre Fahrkarte kostenlos umzutauschen oder sich den Reisepreis erstatten zu lassen.
Streik im Nah-, Fern- und Güterverkehr - großer volkswirtschaftlicher Schaden befürchtet
Bahnstreit eskaliert
Im Tarifkonflikt der Bahn hat Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) Arbeitgeber und Gewerkschaften zur Mäßigung aufgerufen. "Ich appelliere eindringlich an die Tarifparteien, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen", sagte Tiefensee der "Frankfurter Rundschau". Die GDL hatte angekündigt, Freitag mit einem bundesweiten befristeten Streik zu beginnen.
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