"Und Tschüss?!" - Serie über Kirchenaustritte
"Und Tschüss?!" - Serie über Kirchenaustritte
Sarah Seifen hat den Katholischen Medienpreis in der Kategorie "journalistisch WERTvoll" erhalten
Sarah Seifen hat den Katholischen Medienpreis in der Kategorie "journalistisch WERTvoll" erhalten

30.07.2019

Katholischer Medienpreis 2019 an Sarah Seifen Serie über Kirchenaustritte "journalistisch WERTvoll"

"Und Tschüss?!" lautet der schonungslose Titel einer Serie über Kirchenaustritte. Die Journalistin Sarah Seifen ist dafür jetzt mit dem Katholischen Medienpreis ausgezeichnet worden.

DOMRADIO.DE: "Und Tschüss?!" ist eine sechsteilige Reihe der Kirchenzeitungen der Bistümer Fulda, Limburg und Mainz. Darin befassen Sie sich schonungslos offen und ehrlich mit dem Thema Kirchenaustritte. Die Jury des Katholischen Medienpreises hat die Reihe nun in der Kategorie "journalistisch WERTvoll" ausgezeichnet. Ist das Thema Kirchenaustritte eine Herausforderung?

Sarah Seifen (Journalistin): Ich denke nicht, dass es eine besondere Herausforderung ist, Kirchenaustritte in der Kirchenzeitung aufzugreifen, denn wir müssen mit allen Themen, die wir in der Kirche vorfinden, irgendwie umgehen. Das hat dann auch einen Platz in der Kirchenzeitung.

DOMRADIO.DE: Sie haben in Ihrer Serie in sechs Teilen drei Menschen porträtiert, die sich entschieden haben, die Kirche entweder zu verlassen oder zu bleiben. Was sind das für Geschichten, die da erzählt wurden?

Seifen: Zum einen habe ich eine Frau getroffen, die die Kirche vor ungefähr fünf Jahren verlassen hat und sagt: "Ich finde da nicht mehr, was ich suche." Sie ist den letzte Schritt gegangen und hat beim Amt ihren Austritt erklärt.

Die zweite Person, die ich kennenlernen durfte und porträtiert habe, war ein Mann, der in den 60er-Jahren aufgewachsen ist und eine ganz andere Kirche kennengelernt hat. Er bezeichnet es als "Gehirnwäsche". Es geht um Zwang. Er musste beichten gehen, in der Schule irgendwelche Sachen auswendig aufsagen. Er hat sich in seiner Jugend dazu entschieden, dass er nicht mehr Teil dieser Kirche sein möchte. Vor ein paar Jahren hat er sich dann dazu entschieden, wieder zurückzukehren und hat die Wiederaufnahme in die Kirche gefeiert.

Ich wollte es allerdings nicht bei diesen zwei Personen belassen. Es gibt auch viele Menschen, die Teil dieser Kirche sind und ihre Gründe haben, warum sie in der Kirche sind - teilweise unbewusst, teilweise bewusst. Als dritte Protagonistin habe ich eine Frau gefunden, die sagt: "Ja, ich sehe all das Schlechte, was in der Kirche passiert, aber vor allem auch das Gute. Mein Glaube an Gott steht ganz klar im Vordergrund und deswegen kommt es für mich niemals in Frage aus der Kirche ausgetreten."

DOMRADIO.DE: War es schwierig, als kirchliche Journalistin auf kirchenkritische Menschen zuzugehen?

Seifen: Die Erfahrung habe ich tatsächlich nicht gemacht. Bei den Personen habe ich ganz bewusst nach jemandem gesucht, der nicht aus Wut heraus sagt: "Ich habe keinen Bock drauf." Sondern der sagt: "Ja, es war eine bewusste Entscheidung, die ich aus bestimmten Gründen getroffen habe." Die Person hat auch sehr gerne mit mir darüber geredet.

DOMRADIO.DE: Sie haben das Ganze auch auf etwas ungewöhnliche Art aufgegriffen. Sie haben zum Beispiel Ihre Protagonisten als Comicfiguren gezeichnet. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Seifen: Das ist einfach daraus entstanden, das die Personen, die aus der Kirche ausgetreten ist, damit gehadert hat, mit Namen und Wohnort in einer Serie aufzutauchen. Ihre Eltern sind in einem kirchlichen Kontext unterwegs.

Sie hatte Angst, dass sie irgendwie aus der Kirche heraus angefeindet werden könnten. Deshalb habe ich sie als Comic-Figur gezeichnet. So ist die Idee entstanden, dass ich einfach alle drei Protagonisten zeichne. Am Ende löse ich bei zwei Personen, von denen ich ein Foto machen konnte, das Ganze auf.

DOMRADIO.DE: Wie geht man das Thema Kirchenaustritte multimedial an?

Seifen: Die Serie besteht aus sechs Teilen für die Printausgabe. Ich habe mich dazu entschieden, für die Webseite ein Dossier anzulegen. Jede neue Folge wird dort mit Videos ergänzt. Ich habe Vorschau-Videos produziert und dafür auch Zeichnungen verwendet. Die Vorschau-Videos habe ich über Facebook und andere soziale Medien geteilt. Unsere Leserinnen und Leser und alle, die sich dafür interessierten, konnten im Vorhinein und während der Serie verfolgen, wie es weiter geht und was gerade passiert.

DOMRADIO.DE: Wie sind die Reaktionen, die sie auf die Serie bekommen haben?

Seifen: Ich habe sehr viele positive Rückmeldungen bekommen. Viele Leute finden es gut, dass ich dieses Thema in der Kirchenzeitung anspreche. Sie stellen sich beispielsweise die Frage, was ist mit ihrem Nachbarn ist, der plötzlich nicht mehr Teil der Kirche ist.

Die Serie hat ein Thema angesprochen, das sonst nicht so publik ist. Viele Rückmeldungen habe ich von Leuten bekommen, die Ähnliches erlebt haben wie die Protagonisten. Sie haben mir beschrieben, wie es in ihrer Kindheit war, was sie für schöne und unschöne Erfahrungen hatten. Das hat schon Spaß gemacht, diese Rückmeldungen zu lesen.

DOMRADIO.DE: Was haben Sie in der Zeit gelernt, wie die Kirche sich gegenüber Leuten, die darüber nachdenken auszutreten, vielleicht besser verhalten könnte?

Seifen: Als ich die Recherche zu diesem Thema begonnen habe, ist mir aufgefallen, dass ich sehr wenig im Internet dazu finde oder es mir schwerfällt, Informationen zu dem Thema zu bekommen. Es wird von Seiten der Bistümer wenig angeboten.

Aber wenn ich mich gerade in einem schleichenden Entfremdungsprozess befinde, wäre es doch hilfreich, wenn ich dann Angebote finden kann, wo ich mich hinwenden kann, um nochmal mit jemandem zu reden. Es sollten einfache und niederschwellige Gesprächsangebote geschaffen für die Menschen, die gerade an dieser Schwelle stehen.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)