23.04.2019

"Silent Reading Partys" in Osnabrück sind bundesweit einmalig "Ich hab schon lange nicht mehr so viel gelesen wie hier"

Mal in Ruhe ein Buch lesen - auf einer Party mit 40 weiteren Gästen. Was paradox klingt, zieht in Osnabrück immer mehr Menschen an. Weil sie zu Hause abgelenkt sind, treffen sie sich bewusst mit Gleichgesinnten zum Lesen.

Das junge Paar hält seine Bücher aufgeschlagen im Schoß. Der Kühlschrank brummt gleichmäßig. Hinter der Theke bereitet die Bedienung zischend einen Cappuccino. Kaffeetassen klappern auf Tellern, Instrumentalklänge tröpfeln aus Lautsprechern. Menschen wispern.

Inga Tönnissens Wangen sind gerötet, ein Lächeln spielt um ihre Lippen. Ohne aufzublicken folgen ihre Augen den Zeilen. Keine Frage - sie und ihr Mann haben zwei der besten Plätze bei der völlig überfüllten "Silent Reading Party" ergattert.

Die Cocktail-Sessel stehen nah beieinander, so dass die beiden Mittdreißiger sich gegenüber sitzen. Die Tönnissens sind zum ersten Mal bei der stillen Leseparty der Stadtbibliothek Osnabrück, zusammen mit rund 40 anderen. "Richtig gemütlich hier", sagt sie, und er stimmt zu. Das schummrige Licht von Steh- und Hängelampen in dem kleinen Café in der Altstadt reicht gerade zum Lesen.

Inga Tönnissen ist begeistert von der Atmosphäre. Sie liest "Friesensommer" von Janne Mommsen, eine Liebesgeschichte. "Im letzten Moment von der Nachbarin ausgeliehen", flüstert die Lehrerin.

Christian Tönnissen liest Erich Kästners "Fabian": "Das hatte ich schon angefangen." Zu Hause hütet Oma die 15 Monate alte Tochter.

"Wir kommen dort nicht mehr so häufig zum Lesen", sagt er. Netflix, das Handy, der Haushalt und natürlich die Tochter. Jetzt wollen sie die konzentrierte Ruhe und die Gemeinschaft mit anderen Lesenden genießen - mit Tee und einer Flasche Bier neben sich auf einem Tisch.

Leseparty mit E-Book-Reader und Teeglas

Die Idee stammt aus den USA, sagt Bibliothekar Michael Meyer-Spinner. Dort feiern Buchliebhaber in größeren Städten seit Jahren Lesepartys. In Deutschland ist Osnabrück nach Auskunft des Deutschen Bibliothekenverbands derzeit wohl der einzige Standort. In Kiel und Düsseldorf gab es vor ein paar Jahren ähnliche Angebote.

2017 hat Meyer-Spinner das Format nach Osnabrück geholt - zunächst für zwei Male pro Jahr. 2018 waren es vier Termine. Jetzt bietet der Bibliothekar die Lesepartys alle sechs Wochen an - immer im Hinterzimmer-Café des "Shock Records & Coffee", einem 30 Jahre alten Plattenladen: "Jeder bringt ein Buch mit, schaltet das Handy aus, bestellt sich ein Getränk und liest." Viele könnten wie die Tönnissens ihre Leidenschaft für Bücher im Alltag nicht mehr recht ausleben. "Zu viel Ablenkung", sagt Meyer-Spinner.

In dem Café, in dem normalerweise maximal 20 Leute Platz finden, drängen sich zu den "Silent Reading Partys" von 19 bis 22 Uhr regelmäßig locker doppelt so viele. Auch an diesem Abend lümmeln sie sich auf zwei Sofas und ein paar Sesseln, räkeln sich auf Stühlen um kleine runde Tische. Die meisten sind Studenten und Auszubildende.

Die mit Abstand älteste ist Gerlinde Jung. Die 64-jährige Rentnerin hat nur noch einen der Barhocker direkt am Fenster abbekommen. "Bei mir zu Hause auf meiner Relax-Liege habe ich es gemütlicher", sagt sie und seufzt lachend: "Aber ich bin immer neugierig." Sie habe es einfach mal ausprobieren wollen und jetzt zieht sie das durch - wenn auch wohl nicht die gesamten drei Stunden.

Auf ihrem E-Book-Reader, dem einzigen im ganzen Raum, hat sie einen englischen Thriller aufgeschlagen. "Ich lese immer Krimis", sagt sie und nippt an ihrem Rotwein. Kuscheliger hat es da eine Handvoll Gäste, die sich auf gepolsterten Matten und Kissen auf dem Fußboden eingerichtet haben - vor der Theke, vor den Sofas oder im Gang zu den Toiletten.

Inga Tönnissen ist nach anderthalb Stunden aus ihrem Liebesroman aufgetaucht und bestellt sich an der Theke noch ein Glas Tee. Sie zieht die Schulterblätter hoch, macht ein paar Armbeugen und lächelt:

"So viel wie hier habe ich schon lange nicht mehr am Stück gelesen." Dann steuert sie mit dem Teeglas in der Hand wieder auf ihren Sessel zu.

Martina Schwager
(epd)

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