Sprache ohne Schnickschnack
Sprache ohne Schnickschnack
Sabrina Scholl, Prüferin für Leichte Sprache
Sabrina Scholl, Prüferin für Leichte Sprache
Auch die Bibel gibt es in Leichter Sprache

03.08.2018

Bundesweites Pilotprojekt schult Experten in Leichter Sprache Augsburger Caritas-Behindertenhilfe entwickelt neues Berufsbild

Leichte Sprache ist eine vereinfachte Form normaler schriftlicher Texte. Sie soll Menschen das Verständnis ermöglichen, die aus verschiedenen Gründen zum Beispiel keine langen Sätze begreifen: Analphabeten, Demenzkranke und Migranten.

Dieses Urteil ist eindeutig: "Das Wort ist viel zu schwer", entscheidet Sabrina Scholl. "Das ist zu lang. Außerdem muss ein Strich dazwischen." Die 30-Jährige zieht die Schutzkappe von ihrem grünen Textmarker und Linien über das Blatt Papier, das vor ihr liegt. So wird die "Informationsbroschüre" zur "Info-Broschüre". Für Scholl ist klar: "Das versteht man leichter." Ist ja jetzt auch Leichte Sprache.

"Fachkraft für Leichte Sprache"

Diesem Thema widmet sich aktuell ein bundesweites Pilotprojekt in Augsburg: Dort erarbeitet das Ressort Behindertenhilfe der gemeinnützigen Gesellschaft Caritas Augsburg Betriebsträger (CAB) seit kurzem das Berufsbild "Fachkraft für Leichte Sprache". Vier Jahre sind dazu angedacht: In den ersten zwei Jahren wird mit Menschen mit Lernschwierigkeiten das Ausbildungsprogramm entwickelt, im dritten Jahr sollen zwölf Personen ausgebildet werden, das vierte Jahr dient der Auswertung.

Zum Ziel des Ganzen erklärt Projektleiterin Denise Wiedemann (40): "Schon heute arbeiten viele Menschen mit Lernschwierigkeiten in Übersetzungsbüros und Fachzentren als Prüfer für Leichte Sprache mit. Behindertenwerkstätten stellen sie extra dafür frei. Dieses Engagement verdient endlich eine berufliche Anerkennung."

Caritas beteiligt sich an Kosten

Rund 2,8 Millionen Euro kostet das Vorhaben. 2,6 Millionen Euro zahlt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, den Rest übernimmt die CAB. Weil man diesen Eigenanteil leisten könne und wegen persönlicher Beziehungen sei das Projekt in Augsburg gelandet, so Wiedemann. Gesteuert wird es aufgrund der Bundesförderung zusätzlich von Berlin aus. Für die bundesweite Vernetzung ist das Netzwerk Leichte Sprache in Münster verantwortlich, auf das die Projektidee zurückgeht.

Beiratsmitglieder des Programms sind etwa der Deutsche Caritasverband, die Agentur für Arbeit, das Bundesinstitut für Berufsbildung und die Leibniz-Universität Hannover.

"Das Wort tut weh."​

"Alles schwere Wörter", sagt Sabrina Scholl zu dieser Aufzählung. Sie hat das Downsyndrom und sieht sich selbst mit ihren Lernschwierigkeiten als "Expertin in eigener Sache": "Ich kann sagen, wenn was zu schwer zu verstehen ist." Scholl wurde dazu von der CAB als Prüferin für Leichte Sprache zertifiziert. Beim Berufsbild-Projekt liest sie nun Texte ihrer nichteingeschränkten Kollegen gegen. Sie soll sicherstellen, dass die Zielgruppe auch wirklich begreift, was extra für sie formuliert wurde. "Ich sage zum Beispiel, der Satz ist zu lang. Oder: Dieses Fremdwort verstehen Leute wie ich nicht."

Leute wie sie, das sind für Scholl übrigens keine Behinderten. "Das Wort tut weh." Scholl - bisher ein einziges Strahlen im Gesicht - zieht die Mundwinkel nach unten. Man sieht sofort, was Sache ist. Verständnis auf den ersten Blick soll auch die Leichte Sprache bieten.

Zielgruppe: Analphabeten, Demenzkranke und Migranten

Sie vereinfacht die Schriftsprache, indem sie die wesentlichen Inhalte aus komplexen Texten verständlich zusammenfasst. In Leichter Sprache werden kurze Hauptsätze mit nur einer inhaltlichen Aussage benutzt, hingegen Nebensätze, Konjunktive und Fremdwörter vermieden. Zusammengesetzte Nomen werden per Bindestrich getrennt, Doppelpunkte gezielt als Signal eingesetzt, Frage- und Ausrufezeichen weggelassen.

Wichtig sind zudem Bilder sowie eine Schriftgröße und ein Zeilenabstand über Norm. Nicht jedem gefallen solche Maßgaben. Kritiker klagen, die Leichte Sprache entstelle Texte und führe zu allgemeiner Verdummung. Denise Wiedemann wehrt ab: "Leichte Sprache soll doch nicht von ganz Deutschland benutzt werden, sie richtet sich an eine bestimmte Zielgruppe. Sie ist kein Ersatz, sondern ein Zusatz für Menschen, die mit gewöhnlichem Deutsch nicht, nicht mehr oder noch nicht klarkommen, darunter Analphabeten, Demenzkranke und Migranten."

Gesellschaftsfähig

Sabrina Scholl ergänzt, sie selbst verstehe durch Leichte Sprache mehr von der Welt. Dann markiert sie wieder einen allzu langen Begriff auf ihrem Zettel, den sie mit Bindestrich entzerrt haben will. Leichte Sprache mag für ein Wort also eine Trennung bedeuten. Für Menschen wie Scholl ist sie eine Verbindung in die Gesellschaft.

Christopher Beschnitt
(KNA)