Trauer in Berlin
Trauer nach Terror

08.06.2017

Autorin: Gebete nach Anschlägen auch Flucht vor Verantwortung "Lasst uns beten"

Wer nach einem Terroranschlag betet, flüchtet aus Sicht der Autorin Husch Josten möglicherweise auch vor Verantwortung. Insbesondere Politiker sollten Maßnahmen treffen, die über Gebete hinausgehen, so Josten.

"Wenn Menschen, wenn Priester, wenn Gläubige nach einem solchen Anschlag beten, dann ist dagegen überhaupt nichts einzuwenden. Natürlich tun sie das", sagte die Schriftstellerin ("Hier sind Drachen") am Donnerstag im Interview des Deutschlandfunks. Diese Menschen füllten auch sonst ihr Leben mit Gebeten. "Wenn aber Menschen, die damit gar nichts am Hut haben, damit kommen, dann erscheint es mir ein bisschen wie eine Flucht vor der Verantwortung."

Vorallem Politiker müssen nach den Worten Jostens Maßnahmen treffen, die über Gebete hinausgehen. "Ich glaube, dass es ganz wichtig wäre, in einem solchen Fall, wie wir ihn jetzt immer wieder erleben, als Politiker wirklich in den Diskurs mit seinen Bürgern zu gehen." Es komme "so ein kleiner, leiser Verdacht auf, wenn das Ritual sofort die Antwort ist. 'Lasst uns beten', obwohl vorher gar niemand gebetet hat", sagte Josten.

"Terroristen, die morden, um zu morden"

Einem Terroranschlag könnten die Menschen keinen Sinn geben, sagte die Autorin. Daher stürzten sich so viele nach einer solchen Tat "in die Religion, in die Anrufung Gottes oder einer höheren Macht, weil das für sie nicht mehr fassbar ist und sie verzweifelt versuchen, jemandem die Sinnhaftigkeit zuzuschreiben".

Die vielfachen Bekundungen nach Terroranschlägen, dass man sich den eigenen Lebensstil nicht nehmen lasse, ist nach Ansicht Jostens ein "Narrativ geworden, das seine Bedeutung verloren hat". Denn: "Am Anfang schien uns das die geeignete Antwort zu sein, weil wir gedacht haben, es handelt sich wirklich um einen Angriff auf unsere Lebensweise." Mittlerweile sei aber zweifelhaft, ob solche Attacken tatsächlich ideologisch oder religiös motiviert seien. Möglicherweise hätten wir es "mit einer Menge an Terroristen zu tun, die morden, um zu morden", sagte Josten.

(KNA)