Katholischer Friedhof auf dem Zionsberg
Katholischer Friedhof auf dem Zionsberg

26.03.2017

Onlineprojekt dokumentiert Friedhöfe des Jerusalemer Zionsbergs Neues Leben für Zions alte Gräber

​Gestorben wird überall. Selten aber wird so religionsübergreifend und dicht bestattet wie auf dem Jerusalemer Zionsberg. Eine neue Onlinedokumentation informiert über seine Friedhöfe.

Der Jerusalemer Zionsberg hat als Bestattungsort eine lange Tradition in den drei großen Religionen der Stadt. Juden, Muslime und verschiedene christliche Konfessionen teilen sich posthum die heilige Erde. Gleichzeitig macht der Zion immer wieder negative Schlagzeilen. Radikale Gewalt entlädt sich gegen seine religiösen Stätten - nicht selten gegen seine Gräber.

Aus einem solchen Gewaltakt auf einem der christlichen Friedhöfe entstand die Idee: Auf www.graves.mountzion.org.il erfahren Interessierte Details über einzelne Friedhöfe und Gräber. Am Freitag hat der Propst der Evangelischen Erlöserkirche in Jerusalem, Wolfgang Schmidt, die von der deutschen Botschaft Tel Aviv mit unterstützte Onlinedokumentation in Jerusalem vorgestellt.

Vandalismus und Schändung

"Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn": Für Propst Schmidt und Projektinitiatorin Yisca Harani fasst dieses Genesis-Zitat die Arbeiten auf den Zionsfriedhöfen am besten zusammen: Am Anfang stand ein vandalistischer Übergriff jüdischer Extremisten auf den protestantischen Friedhof im Herbst 2013: 32 Gräber wurden geschändet, in vielen Fällen Kreuzdarstellungen zerstört. Mit Bekanntwerden der Tat kam eine Welle der Solidarität aus der jüdich-israelischen Gesellschaft, die schließlich in das Onlineprojekt mündete.

Dazwischen, sagt Yisca Harani, lag ein Arbeitsaufwand, dessen Umfang sich nicht annähernd erahnen lässt. Dass bislang nur fünf Friedhöfe für die Onlinedokumentation erfasst wurden, liege weniger an mangelnden Ressourcen als vielmehr am fehlenden Einverständnis mancher Religionsgruppe. "Die Menschen hier sind sehr misstrauisch", erklärt die Israelin.

Mühsame Überzeugungsarbeit

Der Argwohn ist teilweise verständlich - aus Perspektive der nichtjüdischen Minderheiten ist es nicht immer von Vorteil, wenn sich jüdische Israelis für ihr Land interessieren. Auch steht schnell der Verdacht der Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht Israel im Raum. "Für jeden kleinen Schritt nach vorn", sagt die Preisträgerin des Mount-Zion-Awards 2013, "mussten wir eine Meile laufen."

Viele "Meilen" später informiert die neue Seite in vier Sprachen - Deutsch, Englisch, Arabisch und Hebräisch - über den protestantischen, den katholischen und den armenischen Friedhof, über die Dajani-Friedhöfe und den Samboski-Friedhof. Einer Übersicht über den jeweiligen Ort folgen Hinweise auf Gräber bedeutender Persönlichkeiten. Ein Link leitet den Besucher weiter auf die Website "A Billion Graves", die Datenbank eines der Projektpartners, auf der nach einzelnen Gräbern gesucht sowie weitere Informationen zu bereits erfassten Grabstätten hinzugefügt werden können.

Eigene Suche nach Gräbern

Angehörigen wird so die Suche nach Gräbern verstorbener Familienmitglieder vom oft entfernten Schreibtisch ermöglicht. Doch das ist nur ein Aspekt. Dem Platzmangel geschuldet müssen auf manchen Friedhöfen alte Gräber neuen weichen. Die Dokumentation, sagt Harani, bewahrt ihr Gedächtnis. Oder im Fall der Armenier: Viele Familien haben keine Nachkommen, und ihr Gedächtnis verblasst. "Der letzte Schritt eines Genozids ist die Auslöschung der Erinnerung", sagt Yisca Harani. Mit der Erfassung des Friedhofs in dem Projekt wird auch hier die Erinnerung wach gehalten.

Das Projekt, sagt Propst Schmidt, "lässt viel Raum für künftige Erweiterungen". Nicht nur die Erfassung weiterer Friedhöfe ist ein Thema. Auch die Informationen zu den Friedhöfen und Gräbern, die Transkribierung insbesondere der arabischen und armenischen Grabstein-Inschriften und auch der Abgleich der Datenbank mit der Lage vor Ort sollen fortgesetzt werden.

Öffnung für Besucher

Für "seinen" - den protestantischen - Friedhof, mit dem alles angefangen hat, hat Propst Schmidt noch andere Pläne: Langfristig sollen der momentan nur in Ausnahmefällen zugängliche Ort und die ebenfalls auf dem Gelände befindlichen archäologischen Grabungsstätten für Besucher geöffnet werden. Einen genauen Fahrplan für das Folgeprojekt, so Schmidt, gebe es aber noch nicht.

Andrea Krogmann
(KNA)