Kreuz in der Hand eines Flüchtlings
Kreuz in der Hand eines Flüchtlings

19.12.2016 - 00:00

Flüchtlinge lassen sich taufen "Ich will meinen Glauben nicht mehr verstecken"

Bei jedem Wetter, mindestens zweimal pro Woche kommen Flüchtlinge aus Wünsdorf in die Kirche im Nachbarort Zossen. Die jungen Leute bereichern das Gemeindeleben, ist Pfarrerin Furian überzeugt. Nun will sie die Flüchtlinge auch taufen.

Mitten in der besinnlichen Adventszeit plagen die Pfarrerin Katharina Furian Zweifel. "Wie ich es mache, mache ich es falsch", sagt die Superintendentin vom evangelischen Kirchenkreis Zossen-Fläming in Brandenburg. Zum Jahresbeginn 2017 will sie zwölf Flüchtlinge aus dem Iran taufen - eigentlich ein Grund zur Freude für Kirchenleute. "Wer die Taufe will, den kann ich nicht wegschicken", betont die Pfarrerin. Doch die Asylverfahren der Flüchtlinge sind noch nicht abgeschlossen. Im Falle einer Abschiebung könnte die Taufe für sie zur Lebensgefahr werden. "Im Iran steht auf den Wechsel vom Islam zum Christentum die Todesstrafe", sagt Furian.

Durch die Einwände der Pfarrerin lassen sich die Flüchtlinge jedoch nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Sie freuen sich auf ihre Taufe. "Ich will meinen Glauben nicht mehr verstecken, Jesus ist bei mir", sagt Mahboubeh. Die 36-Jährige war - wie alle Iraner - von Geburt an muslimisch. Mit neun Jahren sei sie von ihren Eltern mit einem 15 Jahre älteren Mann verheiratet worden, den sie nicht liebte und der sie schlug. Mit 14 lief sie weg, rebellierte gegen den Ehemann und ihre Eltern. Danach bekam sie schwere Depressionen. Eine Freundin habe sie dann mit in eine private Hauskirche im Nordiran genommen. Im Untergrund begann sie die Bibel zu lesen. Durch Gebete und den christlichen Glauben habe sich ihr Gesundheitszustand gebessert, erzählt Mahboubeh. Sie ließ sich scheiden, verliebte sich in Babek. Er war es dann auch, der entschieden habe, aus Sicherheitsgründen den Iran zu verlassen.

Ein höheres Taufinteresse von Flüchtlingen registriert

Mahboubeh und Babek landeten zunächst in Deutschlands größter Flüchtlingsunterkunft, dem Hangar des ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof. Dann wurden beide im brandenburgischen Wünsdorf untergebracht, wo aktuell rund 500 Flüchtlinge leben. Ein Dutzend davon will nun offiziell zum Christentum wechseln. Über eine Betreuerin habe man Kontakt zur Superintendentin Furian aufgenommen.

Wie im brandenburgischen Zossen registrierten in ganz Deutschland Kirchengemeinden seit einiger Zeit ein höheres Taufinteresse von Flüchtlingen. Allein in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) wurden 2015 und 2016 insgesamt knapp 500 Asylsuchende getauft, wie Landesbischof Markus Dröge dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte. Die meisten von ihnen sind Iraner, einige kommen auch aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak. Schätzungen zufolge dürften es bundesweit mehrere tausend Flüchtlinge sein, die sich christlich taufen ließen. Genaue Zahlen dazu gibt es bislang nicht.

"Eine Taufe verhindert eine Abschiebung nicht"

Zugleich wachsen Bedenken, dass sich Flüchtlinge vor allem taufen lassen, um eine Abschiebung zu verhindern. Medienberichten zufolge prüft das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge deshalb strenger, warum ein Flüchtling konvertiert ist. Christliche Asylsuchende müssen glaubhaft machen, dass sie im Heimatland aus religiösen Gründen verfolgt wurden.

"Eine Taufe verhindert eine Abschiebung nicht", betont Furian. Sie hat diesen Satz schon unzählige Male den taufwilligen Flüchtlingen gesagt. Gleich beim ersten Kontakt und auch während des mehrwöchigen Taufkurses. Nach zahlreichen Treffen ist die Superintendentin überzeugt: "Diese Flüchtlinge wollen die Taufe, weil sie den christlichen Glauben wirklich im Herzen tragen."

Bei Wind und Wetter zum Gottesdienst

Jeden Sonntag kommt die Gruppe aus dem Flüchtlingsheim Wünsdorf zum Gottesdienst in die Kirche nach Zossen. Jeden Freitag findet zudem der Taufkurs statt. Dafür nehmen die Asylsuchenden bei Wind und Wetter oft einen langen Fußmarsch in Kauf. Bei den Treffen merkt Furian, dass die Iraner "ein großes christliches Vorwissen haben". Beeindruckt ist die Theologin zudem von der "Grundsicherheit" im Glauben ihrer Täuflinge. "Alles zu verlassen wegen des Glaubens hat etwas zutiefst Urchristliches, das kennen wir in unserer Gesellschaft oft nicht", sagt Furian.

Die iranischen Täuflinge in der evangelischen Kirchengemeinde betrachtet die Pfarrerin zudem als "Megachance", weil die jungen Leute das Gemeindeleben bunter machten und einen "klareren, persönlichen Glauben" haben als viele deutsche Christen. Wie tief der Glaube an Gott verwurzelt ist, das könne die Kirche auch bei einheimischen Täuflingen nicht abfragen. Deshalb kritisiert Furian die Glaubensprüfungen, wie sie möglicherweise nichtchristliche Mitarbeiter des Migrationsamtes bei Flüchtlingen vornehmen, als "unrechten Weg".

Bei Abschiebung Hinrichtung?

Bis zum Abschluss des Asylverfahrens wird die Sorge der Theologin bleiben: "Ich mache mich schuldig mit ihrer Taufe, wenn sie abgeschoben werden." Seit 2008 ist im Iran für eine Abkehr vom muslimischen Glauben gesetzlich zwingend eine Hinrichtung vorgeschrieben.

Christine Xuân Müller
(epd)