Udo Lindenberg bei einem Konzert in einer Kirche
Udo Lindenberg bei einem Konzert in einer Kirche

16.05.2016

"Gesamtkunstwerk" Udo Lindenberg wird am Dienstag 70 Udo und die bunte Vielfalt der Religion

"Hinterm Horizont geht's weiter" verspricht Udo Lindenberg in einem seiner vielen Hits. Seit über vierzig Jahren lotet er die Dinge des Lebens aus: politisch, gesellschaftlich und - religiös. Am Dienstag wird er 70.

Nein, selbst im Kölner Dom hat er seinen Hut nicht gelüftet. Dennoch zeigte sich Udo Lindenberg beim Besuch der Kathedrale tief beeindruckt. "Ich finde den Spirit hier im Dom ganz überwältigend", schwärmte die Rock-Legende 2002, als er sich von der 20 Meter hohen Galerie aus die gotische Architektur der weltberühmten Kirche erklären ließ. Sein Hut, meinte er hinterher, dürfte den lieben Gott kaum gestört haben.

Politisch, gesellschaftlich und religiös

Irgendwie typisch für den Künstler, der sich in keine Schublade stecken lässt, auch nicht mit 70. Am Dienstag tritt Lindenberg sein achtes Lebensjahrzehnt an - ein fast biblisches Alter, das er sich in manchen Zeiten selbst kaum zugetraut hätte. Seit über vierzig Jahren beleuchtet der Musiker und Maler das Weltgeschehen in Text und Bild - politisch, gesellschaftlich und religiös.

Udo Lindenberg, der am 17. Mai 1946 als zweites von vier Geschwistern im westfälischen Gronau in sogenannten kleinen Verhältnissen geboren worden war, war der Weg in die große weite Welt kaum in die Wiege gelegt. Prägend die Liebe zu Mutter Hermine und Vater Gustav, der sich nie ganz von seinen Kriegserlebnissen lösen konnte. Sicher rührt auch daher Lindenbergs tiefe Abneigung gegen Krieg, Extremismus und jedwede Ungerechtigkeit. So wird der Gründer des "Panik"-Orchesters nicht müde, mit seiner Musik Stellung zu beziehen. Und auch mit seinen witzigen Weihnachtskarten ("Udo fröhliche", "Udo selige") für das Kinderhilfswerk Unicef leistet er einen Beitrag für Benachteiligte weltweit.

Interesse an biblischen Inhalten

Auf eine Konfession oder Religion lässt sich der aus dem Münsterland stammende Lindenberg nicht festlegen. Durch Initiative seines evangelischen Großvaters wurde er als Teenager getauft, trat aber mit 18 wieder aus der Kirche aus. Wie viele Jugendliche seiner Zeit entwickelte er ein Faible für Hermann Hesses philosophische Weltsicht. Und sein Interesse an biblischen Inhalten zeigte sich etwa in der "Weihnachtsgeschichte nach Udo", die er 1973, zu besten Punkrockzeiten, schrieb.

2011 nahm er auf Initiative des "Panik"-Altgefährten Gottfried Böttger für eine Benefiz-CD zugunsten der Orgel der Hamburger katholischen Kirche Sankt Ansgar/Kleiner Michel seine Version der Weihnachtsgeschichte auf. Lindenbergs Bilder-Zyklus "Die zehn Gebote", in der berühmten "Likörell-Technik" entstanden, wurde 2002 in der Hamburger Hauptkirche Sankt Jacobi ausgestellt: moderne, mitunter humorige Interpretationen der biblischen Weisungen.

"Ich interessiere mich für Religion, aber nicht, weil ich jeden Tag Halleluja singe und so", sagt Udo Lindenberg. "Ich sehe den religiösen Fanatismus, ich sehe, wie Leute eben nicht ins Gespräch kommen, um endlich Frieden hinzukriegen auf dem kleinen, blauen, zerbrechlichen Planeten."

Einsatz für zerbrechlichen Planeten Erde

Hier zeigt der Künstler geradezu Parallelen mit dem Weltethos-Konzept des Theologen Hans Küng: So sollten die Religionen ihren Beitrag leisten zu Lindenbergs vielbeschworener "bunten Republik Deutschland": auf den anderen zugehen, ins Gespräch kommen, "einfach Freude haben an der bunten Vielfalt der Kulturen, Religionen", wünscht sich das "Gesamtkunstwerk".

Die Buddha-Statue auf Lindenbergs Nachttisch passt da gut in sein multireligiöses Konzept. "Ich denke, im Himmel ist für viele Götter Platz, es muss nicht nur ein Gott sein. Das ist doch die Ursache für den ganzen Stress", meint Udo, der etwa auf seinem Album "Stark wie zwei" ein musikalisches "Interview mit Gott" geführt hat.

Letztlich gilt Lindenbergs Credo der Kunst, dem Einsatz gegen politische Missstände und für die Menschen. Texte wie "Ich trag dich durch die schweren Zeiten" aus seinem Album "Stärker als die Zeit" offenbaren Udos Herz und Seele. Dem Sensenmann, dem er nach eigenen Worten schon mehrfach von der Schippe gesprungen ist, will er noch mindestens 20 Jahre abringen.

Außerdem weiß sich der Mann mit Hut vom Himmel aus gut behütet: von seinen Eltern und dem 2006 verstorbenen Bruder Erich. Und vielleicht auch von Gott? Udo: "Ich halte es durchaus für möglich oder wahrscheinlich, dass es da eine überirdische Power gibt."

Sabine Kleyboldt
(KNA)