Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm
Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm
Gottesdienst im Mainzer Dom
Gottesdienst im Mainzer Dom

09.04.2016

Das Alter steht im Mittelpunkt In Würde alt werden

In keinem Alter alleine sein: Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland haben zum Auftakt der bundesweiten "Woche für das Leben" das Recht aller Menschen auf ein Altern in Würde betont.

Zum Beginn der bundesweiten "Woche für das Leben" haben sich die katholische und evangelische Kirche gemeinsam für ein "würdevolles Altern" ausgesprochen. "Wenn ältere Menschen darüber nachdenken, ihrem Leben ein Ende zu setzen, weil sie Angst vor dem Alleingelassen-Sein haben, wäre dies ein Armutszeugnis für die Gesellschaft", heißt es in der gemeinsamen Erklärung. Man dürfe Menschen in ihrer letzten Lebensphase und auch im Sterben nicht allein lassen.

Jeder habe ein Recht darauf, in Würde alt zu werden. Was damit gemeint sei, erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, in seiner Predigt beim ökumenischen Eröffnungsgottesdienst im Mainzer Dom: „Wir brauchen eine Gesellschaft, die Generationen verbindet, die das Alter schätzt und jene, die alt und gebrechlich werden, nicht einfach in Heime abschiebt und vergisst.“

Netzwerk zwischen den Generationen

Kardinal Marx betonte insbesondere die Rolle Kirche, die schon jetzt eine Brücke zwischen den Generationen gestalte: Besuche von Konfirmanden oder Firmlingen seien heutzutage nahezu der einzige Kontakt, den Bewohner von Alteneinrichtungen noch zu jungen Menschen hätten. Hier müsse die Kirche aber noch mehr zum Netzwerk für Kontakte zwischen den Generationen werden, forderte Marx.

Alt zu sein und älter zu werden sei für viele Menschen eine Belastung, merkte der Kardinal weiter an. "Das bedeutet aber nicht, dass das Alter selbst damit für uns eine Last sein kann“, stellte Marx fest und zitierte aus dem aktuellen Papstschreiben Amoris Laetitia: "Die Kirche kann und will sich nicht einer Mentalität der Unduldsamkeit anpassen, und schon gar nicht der Gleichgültigkeit und der Verachtung gegenüber dem Alter. […] Daher ist die ‚Fürsorge für die alten Menschen (…) das Unterscheidungsmerkmal einer Zivilisation. (AL 191 f.) "

Altwerden als Chance begreifen

Vor allem die Zunahme an Lebenserwartung führe oft zu einem Leben mit altersbedingten Krankheiten, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm. "Im Alter erleben wir in besonderer Weise unsere Verletzlichkeit." Es gelte, diese Verletzlichkeit anzunehmen und offen zu sein für neue Erlebnisse und Entwicklungsmöglichkeiten. Der Musiker Johann Sebastian Bach habe zum Beispiel noch im hohen Alter bedeutende Werke wie die h-Moll-Messe komponiert.

Auch die frühere Bundesseniorenministerin Ursula Lehr (CDU) forderte, die Potenziale der späten Lebensphase zu erkennen. Ältere wollten nicht nur betreut, sondern auch gefördert werden. "Nehmt den alten Menschen nichts ab, was sie noch selber können." Lehr erinnerte daran, dass auch die Älteren für sich selbst verantwortlich seien. So könnten sie etwa gegen Einsamkeit aktiv werden, indem sie zum Beispiel Kontakt zu anderen alleinstehenden Menschen in der Nachbarschaft aufnehmen.

Akzeptieren, dass man nicht bis ans Lebensende 20 ist

"Das Leben ist nicht nur das Leben der 40-Jährigen, die souverän Wirtschaft und Gesellschaft beherrschen, Familien gründen und Häuser bauen", sagte Marx. Das menschliche Leben sei vom ersten bis zum letzten Augenblick an gleich wertvoll. Es gehe darum, den Menschen in seiner jeweiligen Lebensphase anzunehmen. Das gelte auch für die eigene Person. "Die höchste Freiheit ist, einverstanden zu sein mit seinem Leben und Sterben." 

Auch die Bundesministerin a.D. Lehr forderte Akzeptanz auf beiden Seiten: So wie die jüngeren Generationen ältere Menschen in ihrer Art bejahen sollten, seien auch die Älteren selbst angehalten, ihre Einschränkungen anzuerkennen und zu bejahen. Es gelte, "Behinderungen hinzunehmen und das Beste daraus zu machen", sagte die 85-Jährige, die sich als Wissenschaftlerin mit Gerontologie befasst hatte. Die Gesellschaft müsse zugleich akzeptieren, dass man nicht "bis zum Ende des Lebens 20 ist".

Mit Gott alt werden

Auch der Mainzer Bischof Karl Lehmann plädierte für ein gelassenes Altwerden. Man dürfe dem Prozess nicht wehrlos verfallen, man dürfe ihn aber auch nicht gleichgültig oder zynisch entwerten, so der Kardinal. Er kritisierte vor allem "einen schlimmen Altersmaterialismus, für den die greifbaren Dinge alles werden: das Essen und Trinken, das Bankkonto, die Geltungssucht, das Tyrannisieren der Umgebung".

Stattdessen könne man die letzte Lebensphase nutzen, um sich "von Fehlern und Vergehen zu befreien, manches wieder gutzumachen und um Ausgleich und Aussöhnung bemüht zu sein." Das gelinge durch den Glauben mit Gottes Hilfe. Der Alte, der fähig ist, "das Leben wieder in die Hände Gottes zurückzulegen", sei wirklich weise, sagte der Bischof in einem Festvortrag. "Altwerden ohne den Glauben an Gott ist schlimm."

 

(epd, DBK)