Jesiden protestieren gegen den so genannten "Islamischen Staat"
Jesiden protestieren gegen den so genannten "Islamischen Staat"
Rettungshubschrauber im Sindschar-Gebirge
Rettungshubschrauber im Sindschar-Gebirge
In der Zeltstadt der Jesiden nahe dem Sinjaar-Gebirge
In der Zeltstadt der Jesiden nahe dem Sinjaar-Gebirge

03.08.2015

Jesiden kritisieren türkische Regierung "Der IS ist nur ein Vorwand"

Vor einem Jahr ermordete und vertrieb die Terrormiliz IS unzählige  Jesiden  aus dem Nordirak. Der Zentralrat  der Jesiden fordert nun mehr Hilfe für die Flüchtlinge und kritisiert das Vorgehen der Türkei gegen die Kurden.

domradio.de: Vor einem Jahr hat die Offensive des so genannten Islamischen Staates im Nordirak begonnen. Wie geht es den Menschen vor Ort heute?

Telim Tolan (Zentralratsvorsitzender der Jesiden in Deutschland): Die Situation vor Ort ist leider immer noch schlecht. Wir waren vor einem Monat mit einer Delegation dort und konnten uns unter anderem auch in den Flüchtlingslagern ein genaues Bild machen. Die Menschen sind seit zwölf Monaten ohne ausreichende Versorgung. In den Lagern steht ein Zelt neben dem anderen und in den Zelten wohnen bis zu sieben Personen auf 16 Quadratmetern. Sie sind ohnehin traumatisiert von den ganzen Erlebnissen, haben jetzt keine Beschäftigung, keine Möglichkeit, irgendwie die Gedanken mal auf ein anderes Thema zu bringen. Sie haben das Gefühl, dass man sie alleine lässt und dass es keine Perspektiven gibt.

domradio.de: Was berichten die Menschen von den Angriffen?

Tolan: Die Angriffe waren traumatisierend für die Menschen. Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen vor den Augen der Familienmitgliedern, das Töten von Familienangehörigen, die Flucht in die Berge, das monatelange Darben, weil die Grundversorgung nicht sichergestellt war - das alles sind Erfahrungen, die die Menschen sehr mitgenommen haben. Ich behaupte auch, dass der Völkermord noch nicht beendet ist. Von der physischen Vernichtung ist der Völkermord jetzt übergegangen in eine seelische Ermordung. Die Menschen haben im Grunde ein Dasein ohne jegliche Aktivität.

domradio.de: Wie wird die Gewalt im Nordirak in den deutschen Jesidengemeinden aufgenommen?

Tolan: Die Jesiden in den deutschen Gemeinden haben sich von Beginn an mit ihren Schwestern und Brüdern solidarisiert. Sie haben mit Kundgebungen auf das Thema aufmerksam gemacht, haben sehr viele Gespräche mit Politikern geführt und in den Medien Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Ich möchte an dieser Stelle auch ganz deutlich zum Ausdruck bringen, dass die deutschen Medien eine sehr große und bedeutende Rolle gespielt haben, indem dieses Thema lange Zeit dann auch besetzt war. Damit wurde Druck auf die Entscheidungsträger ausgeübt. Die Deutschen haben fantastisch finanziell unterstützt mit Spenden.

domradio.de: Welche Hilfe muss die Bundesregierung noch leisten?

Tolan: Die deutsche Bundesregierung hat sehr viel an humanitärer Hilfe erbracht. Sie gehört mit zu den größten Spendengebern. Das ist etwas, das man anerkennen muss. Wir haben aber den Wunsch, dass Deutschland noch stärker seinen internationalen Einfluss auf die Politik geltend macht. Damit aus anderen Staaten noch mehr Hilfeleistung kommt und endlich auch ein entschlossenes Handeln gezeigt wird in der internationalen Staatengemeinschaft.

domradio.de: Die türkische Regierung behauptet, gegen den IS vorzugehen. Zugleich fliegt sie Angriffe gegen kurdische Ziele. Und Kurdische Truppen wiederum unterstützen die Jesiden im Nordirak. Wie sehen Sie diese Rolle der Türkei in dem Konflikt?

Tolan: Ich würde den Namen Erdogan direkt nennen wollen. Denn die Türkei ist hier für mich nicht der handelnde Akteur. Erdogan hat bei den Wahlen die Mehrheit nicht erzielt. Das türkische Volk  steht nicht mehr mehrheitlich hinter ihm. Und Erdogan versucht jetzt im Grunde durch eine kriegerische Maßnahme von seinen Problemen abzulenken und dadurch vielleicht auch eine Neuwahl hervorzurufen, in der er sich bessere Chancen erhofft. Er hat viel zu lange erlaubt, dass in der Türkei IS-Barbaren medizinisch versorgt wurden, dass dort der IS auch rekrutieren konnte, dass Waffenschmuggel möglich war. Trotz Kenntnis der türkischen Regierung ist nicht interveniert worden. Jetzt bombardiert man den IS, aber man bombardiert noch viel stärker die PKK. Da muss man sich doch fragen, was ist das tatsächliche Ziel von Erdogan? Wohl eher die PKK zu zerstören. Der IS ist leider Gottes nur der Vorwand.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(dr)