Nigerias Präsident Goodluck Jonathan (2.v.r.) im Wahlkampf
Nigerias Präsident Goodluck Jonathan (2.v.r.) im Wahlkampf

27.03.2015

Islamistischer Terror in Nigeria "Boko Haram richtet sich gegen Muslime"

In Nigeria wurde am Wochenende ein neuer Präsident gewählt. Über die Situation in dem Land, das von Boko Haram terrorisiert wird, spricht Nigeria-Experte Christian Hanussek von Amnesty International im domradio.de-Interview.

domradio.de: Wie kann man die wirtschaftliche Situation des Landes einschätzen?

Christian Hanussek (Nigeria-Experte, Amnesty International): Wir haben eine wirtschaftliche Teilung. Nigeria ist durch die Öleinkünfte sehr wohlhabend. Der größte Teil der Bevölkerung profitiert davon aber nicht. Die Elite ist sehr korrupt, versucht sich öffentliche Mittel privat anzueignen. Ein großer Teil der Bevölkerung hat dagegen kaum eine Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Und wir haben große Lücken in der Infrastruktur. Die Einkünfte aus der Ölförderung werden nicht in Infrastrukturmaßnahmen investiert.  

domradio.de: Der Terror von Boko Haram ist immer wieder präsent. Ist das das größte Problem des Landes?

Hanussek: Im Moment auf jeden Fall. Der ganze Nordosten wird im Moment durch diesen Konflikt dermaßen dominiert, dass der Staat sich gar nicht mehr durchsetzen und das Gebiet kontrollieren kann. Die Bevölkerung dort leidet extrem unter dem Terror von Boko Haram, aber auch unter den Menschenrechtsverletzungen der nigerianischen Sicherheitskräfte, die im Kampf gegen Boko Haram verübt werden. Über eine Million Menschen sind schon aus der Region geflohen. Da spielt sich ein massiver Konflikt ab.

domradio.de: Ist das ein Religionskonflikt zwischen Muslimen und Christen?

Hanussek: Der Norden Nigerias ist traditionell muslimisch geprägt, der Islam ist dort aber historisch sehr intergriert. Der Islam hat dort eigene politische Strukturen und ist mit dem politischen Systems Nigerias verbunden. Boko Haram wendet sich in erster Linie auch genau dagegen. Anfangs hat sich der Terror gegen Christen gewendet. Ich nehme aber an, dass die meisten Christen die Region verlassen haben.

Jetzt geht es in erster Linie gegen den im Nordosten dominierenden Islam. Es gab große Bombenanschläge, die sich direkt gegen Muslime gerichtet haben.

domradio.de: Mit Blick auf die Präsidentschaftswahl: Würde sich die Wahl eines anderen Präsidenten als Goodluck Jonathan auch auf den Konflikt mit Boko Haram auswirken?

Hanussek: Möglicherweise. Es ist aber nicht unbedingt gesagt. Es gab immer ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich Präsidenten aus dem Süden und dem Norden abwechseln. Es wäre jetzt vielleicht wieder an der Zeit, dass es einen Präsidenten aus dem Norden gibt.

Der Vorgänger von Goodluck Jonathan, Umaru Yar’Adua, stammte aus dem Norden und er war auch in der Lage im Süden, im Konflikt im Niger-Delta, eine Befriedung zu bewirken. Es ist also nicht unbedingt so, dass ein Präsident des Südens nicht in der Lage wäre, den Konflikt mit Boko Haram im Norden in den Griff zu bekommen. Man muss aber leider feststellen, dass es Jonathan bislang überhaupt nicht gelungen ist.

 

Das Interview führte Matthias Friebe.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Weder domradio.de noch das Erzbistum Köln machen sich Äußerungen der Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen zu eigen.

(dr)