Kirchenasyl: Oft letzte Hoffnung
Kirchenasyl: Oft letzte Hoffnung

23.02.2015

Es gibt immer mehr Kirchenasyle „Wir schauen drauf“

Die Zahl der Kirchenasyle steigt: Jetzt sind es 226 Fälle, in denen eine Kirchengemeinde Flüchtlinge bei sich aufnimmt. domradio.de sprach dazu mit Frido Pflüger, dem Leiter des Jesuitenflüchtlingsdienstes.

domradio.de: Herr Pflüger, einige Politiker behaupten, dass sich die Kirche mit dem Kirchenasyl über den Staat stellt - steht das einer Religionsgemeinschaft zu?

Frido Pflüger (Leiter Jesuitenflüchtlingsdienst Berlin): Nein, das steht einer Religionsgemeinschaft überhaupt nicht zu und so ist es auch nicht. Die Kirche stellt sich nicht über das staatliche Recht, sondern sie sagt: Nein, guckt doch lieber nochmal drauf, ob wirklich alles zum Besten entschieden worden ist. Es hindert niemand die Polizei oder andere Beamten daran, jedes Kirchenasyl sofort zu beenden, in die Räume einzutreten und zu sagen: Wir nehmen euch jetzt fest. Der Staat hat jederzeit das Recht, sich Zutritt zu verschaffen. Aber dass er das nicht tut, hat natürlich gute Gründe: Es geht um einen humanitären Ansatz. Die Kirche gewährt nicht jedem Asylbewerber Kirchenasyl, der nach Dublin-Regelungen verschoben werden soll. Die Anzahl ist so klein mit 226 Asylen, verglichen mit den 200 000 Asylbewerbern, die wir haben. Warum diese große Aufregung? Eigentlich müsste der Staat froh sein, dass es so viel engagierte Leute gibt, die sich um die Belange der Asylbewerber kümmern. Menschen, die sich in Notfällen, wo sich abzeichnet, dass in dem Asylverfahren etwas schief läuft, das Kirchenasyl benutzen, um zu sagen: Stopp, wir schauen nochmal drauf. Dadurch wird bewirkt, dass der Fall nochmal aufgerollt oder überhaupt aufgerollt wird. In 90 Prozent der Fälle kriegen die Leute einen sicheren Aufenthalt. Das zeigt doch, dass vorher alles nicht ganz sauber oder gut gelaufen ist.

domradio.de: Wo sehen Sie die Defizite des derzeitigen Asylverfahrens? Warum gibt es derzeit so viele Fälle?

Frido Pflüger (Jesuitenflüchtlingsdienst): Die Dublin-Regelung ist in Frage zu stellen, nach unserer Ansicht ist das nicht grade eine gute Lösung, dieses Hin- und Herschieben der Leute, weil jeder seinen Asylantrag dort stellen muss, wo er Europa zuerst betreten hat. Wenn Leute dann weiterreisen, werden sie zurückgeschoben. Es gibt die Fiktion, dass in allen europäischen Ländern das Asylrecht und die Behandlung der Asylbewerber gleich sind, doch das wird vollkommen verschieden gehandhabt. In Ländern wie Bulgarien, Ungarn, Griechenland oder Italien werden die Leute sofort inhaftiert, die Zustände für Asylbewerber sind katastrophal. Da kann man auch niemanden rechtens zurückschieben.

domradio.de: Wie könnte eine Lösung des Konflikts aussehen?

Frido Pflüger (Jesuitenflüchtlingsdienst): Ich glaube nicht, dass es eine Lösung geben muss, weil es kein Problem gibt. Das Kirchenasyl ist dazu da, um einer bestimmten Zahl von Menschen, die es ungerecht getroffen hat, zu helfen - und das geschieht. Die Gemeinden, die Kirchenasyl geben, überlegen sich das sehr gut, da steht die gesamte Gemeinde dahinter. Denn die Gemeinde muss sich um die betreffenden Personen über längere Zeit kümmern. Das macht man nicht einfach so hoppla-hopp, sondern prüft jeden Fall sehr gut. Das ist eine tolle Sache und die Zahlen sind so minimal, da kann ich mi die ganze Aufregung nicht erklären.

Das Interview führte Dr. Christian Schlegel
(dr)