Rupert Neudeck in Syrien
Rupert Neudeck in Syrien

16.04.2013

Syrien-Appell von Rupert Neudeck "Verpflichtung für uns Christen"

Rupert Neudeck wirft der Bundesregierung Untätigkeit in der Syrienkrise vor. Im domradio.de-Interview erklärt der Gründer der Hilfsorganisationen "Grünhelme" und "Cap Anamur", warum besonders Christen dem Land verpflichtet sind.

domradio.de: Herr Neudeck, Sie sind gerade von einer Syrien-Reise zurückgekommen, welche Lage haben Sie dort vorgefunden?

Neudeck: Das syrische Volk ist unglaublich alleine gelassen. Dabei waren wir nach dem letzten Weltkrieg mit der Entwicklung der UNO der Überzeugung, dass wir Menschen nicht mehr in solchen Katastrophen alleine lassen. Bei menschgemachten wie naturgemachten Katastrophen ist das ja die größte Errungenschaft der Neuzeit: Dass die Menschheit eine helfende Menschheit geworden ist. Wir haben das in Bosnien und Afrika erlebt. Aber hier ist eine Situation, die einzigartig in einem schlimmen Sinne des Wortes ist: Das syrische Volk leidet entsetzlich. Seit zwei Jahren wird es von der eigenen Regierung und Armee hemmungslos beschossen. Und es kann sich nicht helfen, außer es verlässt das Land und flieht. Das ist der große Skandal.

domradio.de: Wie gefährlich ist es aktuell vor Ort?

Neudeck: Es ist weiterhin brandgefährlich. Es ist noch gefährlicher für die Menschen, die dort bleiben müssen, als für uns Helfer. Aber für uns ist es auch gefährlich, weil sich das Risiko nicht kalkulieren lässt. So habe ich nach meiner Rückkehr erfahren, dass ein Ort, durch den wir gekommen sind und der sehr ruhig war, am Montag bombardiert wurde von der syrischen Luftwaffe. Man hat niemals die Sicherheit, dass so etwas nicht passiert!

domradio.de: Sie sagen: Der Westen hat in Syrien versagt. Warum?

Neudeck: Das weiß ich ja auch nicht. Wir können nur feststellen, dass auch in Deutschland diese menschliche Katastrophe nicht mit der sonst üblichen großen Sensibilität aufgenommen wurde, wie wir das sonst bei Kriegen tun. Sonst tun wir das ja, in diesem Fall aber nicht. Und das beziehe ich nicht nur auf die Regierung, sondern auf alle Bürger. Das hat sicherlich auch mit Vorurteilen zu tun. Wir haben noch immer kein richtiges Verhältnis zu der arabischen Welt entwickelt. Die gilt uns immer noch als verdächtig, als suspekt, als terroristisch versucht. Das hat mit dem Islamischen zu tun. Und ich fürchte, dass das auch ein Grund für die bislang ausbleibende Empörung ist.

domradio.de: Welchen Stellenwert spielen denn Religionen in diesem Konflikt?

Neudeck: Religionen haben einen ganz großen Stellenwert, ganz unabhängig von dem Konflikt. Wir Europäer haben das ein bisschen vergessen, dass es Menschen in traditionellen Gesellschaften gibt, für die Religion etwas unglaublich Wichtiges ist. Ohne eine Religion kann für das Bewusstsein eines Syrers, Afghanen oder Somalis gar nicht leben. Und das gipfelt in diesem Konflikt noch einmal dadurch, auch weil Syrien eines der urreligiösen Länder der Erde ist. Das sollten wir als Christen auch wissen: Dass es nächst Palästina eines der reichsten Länder in unserer Tradition ist. In Damaskus wurde Saulus zu Paulus. Es gibt viele Orte, wo alte römische und christliche Baudenkmäler stehen. Es gibt eine große Christengemeinde. Es gibt noch Christen, die die Sprache Jesu Christi sprechen, nämlich das Aramäische. Das wird alles vergessen, dass es sich um ein tief religiöses Land handelt. Deshalb ist es noch mehr für uns Christen, aber auch die Muslime in unserem Land eine Verpflichtung, sich für dieses Land zu interessieren.

domradio.de: Wie wichtig ist aktuell die Hilfe?

Neudeck: Diese Hilfe ist wahnsinnig wichtig. Im Moment leisten sie Syrer selbst. Das bewundere ich so sehr, weil ja kaum jemand noch im Land ist. Auch die UNO-Organisationen sind nicht vor Ort. Gott sei Dank ist es noch so, dass es keinen Hunger gibt. Das Land schafft es noch immer, seine Wirtschaft irgendwie am Laufen zu halten. Aber es kann sein, dass morgen auch das Mehl ausgeht. Und dann sieht es sehr düster aus. Es ist ganz dringend notwendig, dass die Bundesrepublik Deutschland im UN-Sicherheitsrat einen Appell macht. Da geht es nicht nur um Waffen, sondern darum, dass Nahrungsmittel über sichere Häfen ins Land kommen.

Das Gespräch führte Matthias Friebe.

(dr)