30.03.2013

Glockenfans wetteifern um beste Tonaufnahme Ohrenzeugenberichte

Für Glockenfreunde waren die drei Tage vor Ostern eine wahre Fastenzeit: Bis Karsamstag war es still um die Kirchtürme. Kein Läuten als Zeichen für die Trauer – bis in der Osternacht erst wieder volles Festgeläut die Auferstehungsfreude kund tat.

Doch das vorübergehende Schweigen der Glocken lässt sich im Internet-Zeitalter leicht umgehen. Das World Wide Web hält massenweise Tonaufnahmen von Glocken bereit. Wer will, kann sich mittels sozialer Netzwerke wie Youtube Glocken aus aller Welt anhören - vom Big Ben über die Glocken im Petersdom bis hin zum "decken Pitter" im Kölner Dom. Selbst das Geläut aus dem Nachbardorf. Zu verdanken ist das glockenbegeisterten Usern, die keinen noch so hohen Kirchturm scheuen, um Geläute mit Kamera und Aufnahmegerät zu dokumentieren - möglichst aus unmittelbarer Nähe.

Während die meisten Facebook-Nutzer mit coolen Partyfotos und Strandbildern aus dem letzten Karibik-Urlaub protzen, brüsten sich die Glockenfans mit ihrer neuesten Tonaufnahme. Mittels der Kommentarfunktion tauschen sie sich über Glockentöne aus, fachsimpeln über Klöppel und analysieren verschiedene Läuttechniken.

"Ich will eine Erinnerung haben"

Oft wird daraus ein regelrechter Wettstreit. Es geht darum, wer eine Glockenaufnahme als Erster online stellt, wie gut die Tonqualität ist und vor allem darum, wer am meisten Ahnung von Glocken hat. Zwei Lager stehen sich da gegenüber: Fachleute und Laien. Während die Profis sich ganz in der seriösen Sprache ihres Metiers bewegen, langen die Laien oft verbal zu. Als sich ein Nutzer über die "Lärmbelästigung" von Glocken beschwert, schreibt "Buergler2001" zurück: "Kunst-Banause! Weißt doch gar nicht, was schöne Musik ist." Ein anderer lästert über die Wiener "Pummerin" und ihre "dumpfe vermurkelte Klangsoße" ab.

Solche Äußerungen kommen auf der Experten-Seite gar nicht gut an. Der Glocken-Sachverständige Norbert Jachtmann, der die Geläute in den Bistümern Köln, Aachen und Essen auf ihre technische und klangliche Qualität untersucht, ist besorgt: Manche Diskussionsteilnehmer griffen sich persönlich an oder verunglimpften Glockengießereien. Er ist der Ansicht, dass die Jagd nach den besten Glockentönen schon vor Eintritt in den Kirchturm gebremst werden muss. "Die Küster und Pfarrer müssen stärker darauf achten, wen sie auf ihre Kirchtürme lassen", warnt Jachtmann.

Dabei sind die Glockenfreunde oft eng mit der Kirche verbunden. Der 17-jährige Matthias Dichter aus Palenberg in Nordrhein-Westfalen, der mit 12 das erste Glockenvideo auf Youtube stellte, geht regelmäßig in die katholische Petruskapelle in seinem Heimatort. Dort tut er das, was ein echter Glockenfreund nun mal tut: Glocken läuten. Fürs Internet steigt der Schüler dann mehrmals pro Monat mit Kamera und Aufnahmegerät auf Kirchtürme. "Ich will eine Erinnerung an das Läuten vor Ort haben", sagt er. Besonders mag er historische Glocken - "weil sie schon alt sind, klingen sie manchmal kurios".

Wenn die Jagd zum Abenteuer wird

Der Töne-Fang kann auch zum Abenteuer werden. Als drei junge Leute das Geläut des Eisenstädter Doms in Niederösterreich filmten und versehentlich den Schwenkradius manipulierten, wurden zwei der Glocken aus ihrer Befestigung geschleudert. Die Folge: Rund 30.000 Euro Sachschaden und monatelange Stille im Turm.

So etwas dürfte Langschläfer gefreut haben, vor allem wenn sie abends zu tief ins Glas geguckt haben. Unterdessen wirbt "Buergler2001" im Netz um Verständnis für das morgendliche Läuten. Er rät den Verkaterten und anderen unfreiwilligen Zuhörern: "Genießt jeden Glockenschlag wie einen guten Wein."

Claudia Zeisel
(KNA)