30.03.2013

Erkundungen zu einem "Zukunftstrend" Bescheidenheit ist eine Zier

Wer hätte das gedacht: dass Gott und die Welt einmal auf ein paar ältere schwarze Herrentreter schauen würden? Der neue Papst Franziskus macht's möglich – und liegt damit offenbar voll im Trend.

Auch wenn nun durchsickerte, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche aus orthopädischen Gründen keine der handgefertigten roten Slipper trägt, die dem Amtsträger eigentlich zustehen: Der Verzicht passt gut zum demütigen Auftreten von Franziskus. Und plötzlich setzt, so scheint es, in der Kirche ein wahrer Wettlauf um Bescheidenheit ein. Jüngstes Beispiel: der Papstbotschafter in Deutschland, Erzbischof Jean-Claude Perisset. Er überlegt, künftig im VW statt im Mercedes vorzufahren.

 "Downsizing" heißt so etwas in weltlichen Kreisen - und es trifft gerade in vielen westlichen Gesellschaften offenbar einen Nerv der Zeit. Weniger ist mehr, lautet die Devise. "Teilen ist das neue Haben" titelte unlängst der "stern". In der "Zeit" läuft derzeit eine ganze Artikelserie zu den "Grenzen des Konsums". Immer häufiger finden sich Experten, die das ständige Streben nach neuem Besitz vor dem Hintergrund von Klimawandel, Wirtschaftskrisen und Globalisierung infrage stellen. Der Beginn einer neuen Bewegung? Papst und Kirche auf Augenhöhe mit Trendsettern: Das hätte doch was!

Trendverbreiter Internet

Die Erkundung beginnt im Mutterland aller Trends, den USA. Dort trägt die New Yorker Journalistin Mimi Zeiger Neues aus Kunst, Design und Architektur zusammen. Im Münchner DVA-Verlag ist mittlerweile der zweite Band ihrer Sammlung kleiner Häuser erschienen. Der Reise durch die Welt der Zwergunterkünfte stellt Zeiger ein Zitat ihres Landsmanns Henry David Thoreau voran: "Unsere Häuser sind ein derart belastender Besitz, dass sie uns häufig eher Gefängnis als Behausung sind." Thoreau lebte im 19. Jahrhundert. Der Gedanke, seine Ansprüche zu beschränken - und das wäre die erste Lektion - ist so neu nicht, wird aber heute wieder aktuell.

Ein Beispiel ist das mobile "Tiny Free House" (freies Mini-Häuschen), das Michael Janzen im kalifornischen Sacramento aus Transportpaletten zusammengeschraubt hat. Die Idee dazu entstand während der US-Immobilienkrise, als Tausende Familien ihr Dach über dem Kopf verloren. Das fertige Häuschen mit Kochecke und Toilette ist so konzipiert, dass eine Kleinfamilie dort in Notzeiten in einem Raum wohnen, essen und schlafen kann. Inzwischen wirbt der Konstrukteur mit einer eigenen Website für seine Ideen.

Überhaupt trägt das Internet entscheidend zur Verbreitung von neuen Geschäftsmodellen bei, die weniger auf Besitz als auf Tauschen und Teilen setzen, sagt die Hamburger Kommunikationsdesignerin Eva Jung. Dabei geht es ihrer Ansicht nach - Lektion Nummer zwei - weniger um Bescheidenheit. "Das hat eher praktische Gründe und funktioniert am besten in den großen Ballungsräumen." So wie die Initiative "meine ernte": Dabei können Stadtmenschen für ein halbes Jahr einen Gemüsegarten mieten, den sie unter Anleitung von "meine ernte" und Landwirten bestellen. Für Familien werden rund 85 Quadratmeter zum Preis von 329 Euro empfohlen.

 Oder doch nur Bescheidenheit auf Zeit?

Von der Schaufel bis zum Dünger: "Wir bieten ein Rundum-Sorglos-Paket", erläutert Gründerin Wanda Ganders. Was 2010 mit sechs Plätzen und 250 Hobby-Gärtnern begann, zieht inzwischen Kreise. Für die kommende Saison rechnet Ganders mit bundesweit 2.000 Freizeitlandwirten an 22 Standorten. Ein Pluspunkt sei die Flexibilität, sagt die Betriebswirtschaftlerin. "Bei einem Schrebergarten verpflichten sie sich auf Jahre - das passt nicht zu Menschen, die oft den Job wechseln müssen."

Mit Konsumverzicht und Abschied vom Besitz hat das eher am Rande zu tun. Ein letzter Anruf beim Zukunftsinstitut im hessischen Kelkheim. Was ist denn nun dran am neuen Trend? "Ich würde eher von Bescheidenheit auf Zeit sprechen", sagt Geschäftsführer Andreas Steinle: ein Bedürfnis, dem auch die Kirche mit Urlaubs- und Wellnessangeboten in Klöstern entgegenkomme. Mancher gestresste Manager allerdings, der hier Ruhe und Entspannung sucht, kommt gern im panzerartigen SUV vorbei. Ganz ohne Statussymbole  - Lektion drei - scheint's wohl doch nicht zu gehen.

Joachim Heinz
(KNA)