Chinua Achebe (2002 in Deutschland)
Chinua Achebe (2002 in Deutschland)

23.03.2013

Zum Tod von Friedenspreisträger Chinua Achebe Vater der afrikanischen Literatur

Chinua Achebe gilt als Vater der modernen afrikanischen Literatur: Mit "Okowonko oder Das Alte stürzt" wurde in der westlichen Welt erstmals zur Kenntnis genommen, dass es eine afrikanische Literatur gibt. Das Buch gilt heute als Klassiker.

Seit Jahrzehnten hatte sich der Essayist und Romancier auch mit den politischen Verhältnissen in seiner Heimat auseinandergesetzt. 2002 wurde er als einer der wichtigsten Autoren Schwarzafrikas mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. In den letzten Jahren war es allerdings stiller geworden um Achebe, der seit einem schweren Autounfall 1990 an den Rollstuhl gefesselt war.

Sein Roman "Okowonko oder Das Alte stürzt" ist bis heute der wohl bedeutendste Versuch, das Eindringen von Kolonialismus und Mission ins traditionelle Afrika darzustellen. Das Buch wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt und ist das mit Abstand am meisten beachtete literarische Werk eines Schwarzafrikaners.

Die historischen Ursachen der heutigen Situation Afrikas, die Kritik an den politischen Zuständen und ihre Bedeutung für das Individuum zeichnet Achebes fünf Romane aus: In ihrer Gesamtheit bilden sie eine literarische Chronik Westafrikas, von der ersten Begegnung zwischen Europäern und Afrikanern über den Kolonialismus bis hin zu Unabhängigkeit, enttäuschten Hoffnungen und dem Verfall der Zivilgesellschaft.

Achebes fünfter und letzter Roman, "Termitenhügel in der Savanne" (1988, deutsch: 1991/2002) ist von schonungsloser Kritik an den herrschenden Schichten geprägt. 21 Jahre lagen zwischen diesem Roman und seinem vorherigen Buch "Ein Mann des Volkes", in dem er Entwicklungen, die zum Militärputsch in Nigeria und dem Ende der ersten Republik führten, hellseherisch vorweggenommen hatte.

Achebes Helden sind meist tragische Figuren: Die Veränderung der Lebensumstände bedeutet für sie eine persönliche Katastrophe. Durch den psychologischen Blick seiner Werke vermeidet Achebe eine ideologische Banalisierung des Geschehens. Wo andere Autoren oftmals recht platt das Unrecht des Kolonialismus anprangern, vermochte er es, auch die Brüche traditioneller Gesellschaften darzulegen, den Nährboden für die Saat radikaler Veränderungen.

Kritiker priesen vor allem seine Kunst, englisch und doch afrikanisch zu schreiben. Nigerianische Sprachfiguren wie "das Palmöl, mit dem Sprache gegessen wird" finden sich bei ihm immer wieder. Achebe wurde zum Wortführer einer Literaten-Generation, die die ihnen aufgezwungene europäische Sprache als Eigentum betrachtet und sie kreativ wie subversiv gebrauchte. Seit Mitte der 60er Jahre enthält sein Werk auch Elemente bissiger Satire.

1930 im ostnigerianischen Ogidi als Sohn einer christlichen Familie geboren, gehörte Achebe zum Volk der Ibo, einer der drei dominierenden Ethnien im Vielvölkerstaat Nigeria. Nach Elite-College und Studium arbeitete er zunächst als Lehrer, danach beim nigerianischen Rundfunk, wo er 1961 zum Direktor des Auslandsdienstes aufstieg. Diesen Posten legte er nach den Massakern an den Ibo vor Beginn des Biafra-Kriegs (1967-1970) nieder. Während des Krieges war er "Sonderbotschafter" der Biafra-Sezessionisten in Amerika und Europa.

Nach Ende des Bürgerkriegs kehrte er nach Nigeria zurück und lehrte an der Universität Nsukka sowie in den USA. Achebe gründete die einflussreiche Literaturzeitschrift "Okike". Zuletzt lebte er in den USA.

Achebe war bemüht, koloniale Bilder Afrikas, wie Joseph Conrads «Herz der Finsternis», zu korrigieren. Er wollte als Vermittler wirken zwischen den Kulturen. In seiner Heimat war sein Leitbild der traditionelle afrikanische Erzähler: zugleich Lehrer, Warner und Visionär. Dabei bediente er sich vieler literarische Formen. Achebe schrieb auch Gedichte und preisgekrönte Kinderbücher.

Politisch äußerte sich Achebe nicht so kämpferisch wie seine Landsleute und Kollegen Wole Soyinka und Ken Saro-Wiwa. Dennoch verstand er sich als "Protestschriftsteller". Er wollte - wie er selbst betonte - Afrika helfen, den Glauben an sich selbst wiederzugewinnen, und die Komplexe zu überwinden, die durch lange Jahre der Beleidigung und Selbsterniedrigung entstanden seien.

Der nigerianische Autor starb am Donnerstagabend im Alter von 82 Jahren in einem Krankenhaus in Massachusetts (USA).

Holger Ehling und Renate Kortheuer-Schüring
(epd)