22.02.2013

Vor 70 Jahren wurden die Geschwister Scholl hingerichtet "Einer muss ja schließlich damit anfangen"

Mit einem Gottesdienst gedenkt München der ermordeten Mitglieder der studentischen NS-Widerstandsgruppe "Weiße Rose": Vor genau 70 Jahren wurden hier die Geschwister Scholl und Christoph Probst hingerichtet.

"Ihr werdet in die Geschichte eingehen, es gibt noch eine Gerechtigkeit." Die tröstenden Worte, die Vater Robert Scholl seinen Kindern Hans (24) und Sophie (21) im Februar 1943 kurz vor ihrer Hinrichtung zuflüsterte, sind Wirklichkeit geworden. Die "Weiße Rose" gehört zu den bekanntesten Widerstandsgruppen gegen den Nazi-Terror.

Am Freitag vor 70 Jahren wurden die beiden Geschwister sowie ihr Freund Christoph Probst (23) wegen "Vorbereitung zum Hochverrat, Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung" hingerichtet. Roland Freisler, berüchtigter Chef des Volksgerichtshofes, war eigens aus Berlin angereist, um die Widerstandsgruppe abzuurteilen. Nur wenige Stunden nach seinem Richterspruch starben die drei in der Haftanstalt Stadelheim unter dem Fallbeil. Willi Graf, Alexander Schmorell und der Musikwissenschaftler Kurt Huber, der geistige Mentor der Gruppe, wurden wenige Wochen später hingerichtet, im Januar 1945 auch Hans Leipelt.

"Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende"

Auslöser für den Widerstand der Studenten, die meist aus behütetem Elternhaus stammten, waren Nazi-Drill und das Verbot von Jugendgruppen, Hitlers Kriegs- und Kirchenpolitik sowie die Protestpredigten des Münsteraner Bischofs von Galen gegen Euthanasie. Bereits Mitte Juni 1942 fanden mehrere hundert Münchener Lehrer, Ärzte, Juristen und Staatsbeamte ein Flugblatt der "Weißen Rose" in ihren Briefkästen. "Wer von uns", so hieß es dort, "ahnt das Ausmaß der Schmach, die über uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist und die grauenvollsten Verbrechen ans Tageslicht treten?" Noch im Sommer 1942 entstanden drei weitere Flugblätter, die überall in Deutschland verbreitet wurden. Plötzlich aber schwieg die "Weiße Rose". Hans Scholl und seine Freunde mussten eine Zeit lang zum Sanitätsdienst an die Ostfront.

Eine prägende Erfahrung: "Das Elend sieht uns an", schrieb Willi Graf, erschüttert über den Anblick des Warschauer Ghettos in sein Tagebuch. Und Hans Scholl notierte: "Ich höre nur Tag und Nacht das Stöhnen der Gequälten." Auch Stalingrad machte neue Widerstandskräfte frei. Fritz Hartnagel berichtete seiner Freundin Sophie Scholl in Briefen von seiner Erschütterung: "Schon die ganze Straße vom Don nach Stalingrad ziehen Tausende von Flüchtlingen, Frauen und kleinen Kindern und alte Männer ohne eine Unterkunft, ohne etwas zu essen." Diese Briefe dürften Sophie Scholl, die ihrem Freund den lebensgefährlichen Einsatz für die "Weiße Rose" verschwieg, in ihrem Widerstand noch bestärkt haben.

"Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende", lautete dann auch die Parole auf Flugblättern, die die Geschwister Scholl am 18. Februar 1943 in der Münchner Universität verteilten. Als die Blätter durch den Lichthof flatterten, wurden Hans und Sophie Scholl ertappt. Der Hausdiener der Universität verständigte die Gestapo.

"Aufstand des Gewissens"

Der Widerstand der "Weißen Rose", als «Aufstand des Gewissens» gedeutet, galt schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Symbol für das "andere, bessere Deutschland". Allerdings: Zündend hatte ihr Mut an den Universitäten nicht gewirkt. Viele Historiker haben der Gruppe deshalb im Nachhinein vorgeworfen, die politischen Verhältnisse nicht richtig eingeschätzt zu haben.

Doch Hans und Sophie Scholl waren sich ihrer Grenzen durchaus bewusst: "Obgleich wir wissen, dass die nationalsozialistische Macht militärisch gebrochen werden muss, suchen wir eine Erneuerung des schwer verwundeten Geistes von innen her zu erreichen", hieß es in einem ihrer Briefe. Und Sophie Scholl sagte es Blutrichter Freisler auch ins Gesicht: Verbrechen müsse Verbrechen und Mord Mord genannt werden. "Einer muss ja doch mal schließlich damit anfangen." Bundespräsident Joachim Gauck hatte diesen Satz sicher im Blick, als er kürzlich die Bedeutung der Weißen Rose würdigte: "Sie erlauben es uns, zu glauben, dass nicht alle Deutschen damals stumme und feige Mitläufer waren"», sagte er.

In München findet am Freitag (22.02.2013) um 15 Uhr ein ökumenischer Gottesdienst statt. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm feiern diesen gemeinsam in der Anstaltskirche der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Stadelheim.

Christoph Arens
(KNA)