11.02.2013

Palästinenser aus Syrien fliehen in den Libanon Die doppelten Flüchtlinge

Palästinenser aus Syrien finden im Libanon Zuflucht. Doch das UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten scheint mit ihrer Versorgung überfordert zu sein. Und dass die Menschen bald wieder nach Syrien zurückkehren, ist unwahrscheinlich.

Ein Zimmer, eine winzige Küche und kleines Bad sind das neue Zuhause von Um Wajdi und ihrer Familie. Von der Decke blättert die Farbe ab. Auf dem Boden liegen ein grauer Teppichboden und dünne Schaumgummimatratzen, darüber zusammengelegte Wolldecken. Seit Anfang Januar lebt die 43-jährige Frau mit ihrem Ehemann und zwei Söhnen, 12 und 15 Jahre alt, im Palästinenserlager Shatila in der libanesischen Hauptstadt Beirut.

Ihre Wohnung in Yarmouk, einem Palästinenserlager südlich des syrischen Damaskus, existiert nicht mehr. Das größte Lager in Syrien ist seit Monaten Schauplatz von Kämpfen zwischen bewaffneten Aufständischen und der syrischen Armee. Ein Teil von Yarmouk ist zerstört, dazu gehört auch die Wohnung der Familie von Um Wajdi. Der Krieg in Syrien hat die Palästinenser aus Yarmouk zu doppelten Flüchtlingen gemacht. Die Vorfahren der Wajdis stammen aus Nazareth, das heute in Nordisrael liegt. Bei der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 wurden sie aus ihrer Heimat vertrieben und flüchteten nach Syrien. Nun sind ihre Enkel wieder auf der Flucht.

"Das Wichtigste ist im Moment, genug Essen für die Kinder zu haben, das Zimmer zu heizen und Medikamente für meinen Jüngsten zu bekommen, der an einer Blutkrankheit leidet", sagt Um Wajdi. Diese lebenswichtigen Dinge sind nicht selbstverständlich für die zierliche Frau mit den langen schwarzen Haaren. Bei ihrer Ankunft bekamen die Flüchtlinge die bescheidene Zimmereinrichtung und Lebensmittel vom Volkskomitee in Shatila, das für die Verwaltung des Lagers zuständig ist.

Mindestens 20.000 Flüchtlinge

Das Volkskomitee verteilt Spenden, die es vom Internationalen Roten Kreuz bekommt. Und das palästinensische UN-Hilfswerk UNRWA hat jedem Flüchtling, der aus Yarmouk kam, einmalig 40 US-Dollar und einen Lebensmittelgutschein in die Hand gedrückt.

Zum Leben reichen diese Zuwendungen nicht, sagt Um Wajdis Mann Abu. Allein die Miete für ihre Einzimmerwohnung koste monatlich 220 Dollar. Ersparnisse habe er keine. Er überlebe nur, weil Freunde ihn unterstützten. Der Mittvierziger, der in Syrien als künstlerischer Direktor einer palästinensischen Folkloregruppe gearbeitet hat, wirkt resigniert. Sogar die PLO - die Palästinensische Befreiungsorganisation - helfe ihnen nicht, weil sie pleite sei, sagt Abu Wajdi. Arbeiten kann er nicht. Die restriktiven Arbeitsgesetzte für Palästinenser im Libanon erlauben es nicht.

Nach Angaben von UNRWA sind in den letzten Wochen mindestens 20.000 Palästinenser aus Syrien in den Libanon geflüchtet. Die meisten von ihnen kommen bei Verwandten oder Bekannten in Palästinenserlagern im Zedernstaat unter. Abu Wajdi entschied sich für Shatila, weil er dort Freunde hat.

Rückkehr unwahrscheinlich

Dieses Lager gehört zu den ärmsten und am dichtesten bevölkerten Stadtteilen in Beirut. Ziad Hemmo vom Volkskomitee in Shatila sagt, dass das Lager eigentlich keine Kapazität mehr habe, zusätzliche Menschen aufzunehmen. Aber die Bewohner würden trotzdem Verwandte oder Bekannte bei sich wohnen lassen. Andere würden die Not der neuen Flüchtlinge ausnutzen und erhöhte Mieten verlangen. Hemmo hält eine regelmäßige finanzielle Hilfe für die Palästinenser aus Syrien für unumgänglich: "Das Problem der Mieten muss gelöst werden." Ohne eine monatliche finanzielle Zuwendung sei das nicht möglich. Auch UNRWA im Libanon hält die bisherige Hilfe für nicht ausreichend, verweist aber auf die fehlende Finanzierung.

UNRWA rechnet damit, dass diese palästinensischen Flüchtlinge nach Syrien zurückkehren, sobald die politische Lage es erlaubt. Abu Wajdi dagegen hält eine Rückkehr für unwahrscheinlich. Bereits jetzt ist er davon überzeugt, dass die Palästinenser zwischen dem syrischen Regime und der Opposition zerrieben werden: "Beide Seiten werden uns beschuldigen, nicht zu ihnen gehalten zu haben." Eine Zukunft für sich und seine Familie sieht er in Syrien nicht mehr.

Mona Naggar
(epd)