Christiane Florin
Christiane Florin

Christiane Florin, geb. 1968, Leiterin des Kulturressorts der Wochenzeitung »Rheinischer Merkur« und Lehrbeauftragte für Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Mit dem Ernst-Robert-Curtius-Förderpreis für Essayistik ausgezeichnet.

07.02.2013

Redaktionsleiterin von "Christ und Welt" zur Kirchenkrise Wesen mit schweren Verhaltensstörungen?

Überall wird derzeit über die Kirche und ihre Außenwirkung gesprochen. Fernsehzuschauer müssen Katholiken für Wesen mit schweren Verhaltensstörungen halten – das schreibt die Redaktionsleiterin der ZEIT-Beilage "Christ und Welt", Christiane Florin.

domradio.de: Wie steht die Kirche denn im Moment da in den Fernsehstuhlkreisen?
Christiane Florin: Die Kirche schafft im Moment das Kunststück, sogar noch im Sitzen schlecht dazustehen. Dafür ist sie sicher nicht allein verantwortlich, das hängt auch mit der Einladungspolitik der Talkshows zusammen. Es ist ja klar: Talkshows sind nicht in erster Linie eine gepflegte Unterhaltung, eine Konversation, sondern Talkshows sind zunächst einmal Unterhaltung. Das heißt, es wird dementsprechend eingeladen, je nachdem welche Rollenvorstellungen man hat, sucht man eben Leute, die diese Rollen dann auch ausfüllen. Das gilt für Politik, für Wirtschaft, für Kultur, für gesellschaftliche Themen ganz allgemein. Auffallend ist allerdings, wenn es um Religion und Kirche geht, dann wird doch sehr gern jemand eingeladen, der nicht unbedingt repräsentativ für die Mehrheit in der Bischofskonferenz oder auch die Mehrheit der Katholiken ist, sondern da lädt man doch oft Leute ein, die polarisieren, die auch sehr gut als Feindbild herhalten können und die einfach bestimmte katholische Klischees bedienen. Die Leute kommen aber oft auch sehr gern in Talkshows, die sagen immer zu.

domradio.de: Sie nennen in Ihrem Artikel in Christ & Welt aber auch Franz-Josef Overbeck, den Bischof von Essen, der bei Anne Will eingeladen war. Der hat nach Ihren Worten ein Schleudertrauma hinterlassen, obwohl er Bischof ist. Inwiefern?
Florin: Das war damals eine Sendung im Jahr des Missbrauchsskandals, im April 2010. Und es ging um die katholische Sexualmoral. Gesprächspartner des Bischofs war Rosa von Praunheim, es war eine sehr erhitzte, erregte Gesprächssituation, und da hat sich eben Bischof Overbeck zu der Behauptung hinreißen lassen, Homosexualität sei Sünde, und musste sich danach korrigieren, es gab ja eine große mediale Aufwallung. Und wenn Sie mit Bischöfen über ihre Talkshow-Erfahrung sprechen, dann erzählen die Ihnen eben oft, dass sie das Gefühl hatten, in eine sehr bedrängte Situation geraten zu sein. Man hat sehr oft den Eindruck, wenn man so eine Runde von vier Leuten anschaut, und einer ist unter allen anderen begraben, dann ist dieser eine der Katholik. Und Bischöfe erleben das sehr oft als eine Situation, aus der sich nicht mehr herauskommen. Vielleicht liegt es daran, dass die Medientrainings nicht gut genug funktionieren, dass einem die innere Souveränität fehlt, mit solchen Situationen umzugehen. Und ein Bischof sitzt da ja nicht nur als Einzelperson, sondern immer auch als Amtsträger und hat deshalb sicherlich eine ganz andere Verantwortung als ein Künstler, der ja erst einmal für sich sprechen kann.

domradio.de: Schauen wir doch einmal auf die jüngste Sendung von Günther Jauch am Sonntag, zu der die Bischofskonferenz auf Anfrage keinen Bischof, sondern den Präsidenten der Caritas, Peter Neher schickte. War das eine gute Wahl oder hat der auch polarisiert?

Florin: Ich fand das eine gute Wahl, denn das war sicherlich eine sinnvolle Wahl, wenn es um die Frage der Kompetenz ging. Nehr ist ein großer Arbeitgeber, er kann sehr viel Sachkundiges zum katholischen Arbeitsrecht sagen. Ich bin mir aber eben nicht sicher, ob die Zuschauer ihn wirklich mit der katholischen Kirche identifiziert haben. Ich glaube, er kam sehr sympathisch und nachdenklich herüber, aber ich glaube nicht, dass das auf die katholische Kirche abgestrahlt hat. Wer aber sehr wohl als Gesicht des Katholizismus wahrgenommen wurde, war Martin Lohmann. Wenn Sie die Diskussion der letzten Tage verfolgen, in der BILD-Zeitung, im Kölner Express, da ist das ein ganz großes Thema, dann auch noch einmal bei Markus Lanz, dann war das Lohmann, der dort als Katholik in der Sendung wahrgenommen wurde. Es steht jeder Redaktion frei, wen sie einlädt – ich sagte vorhin ja schon, es geht um Unterhaltungsaspekte, und da ist Herr Lohmann sicher perfekt ‑, nur frage ich mich selbst als Katholikin, wenn ich die Talkshow zum Thema Religion und Kirche der letzten Jahre beobachte, ob es eigentlich nie gelingt, auch einmal die 99,99% der anderen Katholiken abzubilden. Also, ich bewege mich viel innerhalb der Kirche und mir begegnen kaum Menschen, die so sind wie diejenigen, die im Namen des Katholizismus in den Talkshows sitzen. Das ist ein trauriger Zustand, dass es nicht gelingt, einmal jemanden ‑ auch von Seiten der Kirche – hervorzubringen, der gewinnend wirkt, der dann auch all die Diskussionen, die ja innerhalb der Kirche stattfinden, die ja geführt werden, einmal in so einer Talkshow mit ein paar Sätzen allgemeinverständlich erklären kann; also schlicht jemand, von dem der Zuschauer am Ende der Sendung denkt: Also, Mensch, mit dem würde ich mich jetzt gern weiter unterhalten. Das gelingt irgendwie nicht.

domradio.de: Haben Sie da eine Person im Auge, die Sie vorschlagen würden?

Florin: Ach, nein, ich habe da im Moment niemanden im Auge, das ist ja eigentlich der traurige Zustand. Also wir haben ja schon oft darüber geredet und schreiben auch darüber, aber vielleicht ist es auch so, dass die Hierarchie mit all ihren Mechanismen solche Personen nicht hervorbringt, weil es einfach kein Kriterium ist, wie jemand nach außen wirkt, wie jemand mit Öffentlichkeit umgeht, und schließlich auch, wie jemand mit Menschen umgeht.