Stefan Förner
Stefan Förner

Das Erzbistum Berlin umfasst die Hauptstadt Berlin und Teile des Bundeslandes Brandenburg sowie den vorpommerschen Teil von Mecklenburg-Vorpommern. Kennzeichnend ist die Situation als Bistum in der Diaspora. Bischofssitz ist die St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin-Mitte.

31.01.2013

Erzbistum Berlin zum geplanten Gymnasium "Gewissermaßen eine Konkurrenz"

Die Kölner "Fördergemeinschaft für Schulen in freier Trägerschaft", ein dem Opus Dei nahestehender Verein, will ein Jungengymasium bei Berlin einrichten. Im Interview dazu: der Pressesprecher der Erzbistums Stefan Förner.

domradio.de: Brandenburgs Landesregierung und die Stadt Potsdam lehnen das Projekt ab, haben sich lange dagegen gewehrt. Was sagt das Erzbistum Berlin dazu?
Stefan Förner: Dieses Urteil möchte ich nicht bewerten, weil es sich wirklich um eine Auseinandersetzung zwischen dem Verein und dem Land Brandenburg handelt. Ganz grundsätzlich ist die Haltung des Erzbistums eigentlich, seitdem es diesen Streit gibt, immer die gleiche: Schon Kardinal Sterzinsky, dem es vorgestellt wurde, hat gesagt, er wünsche dem Projekt alles Gute – "Macht das! Seht zu, wie weit Ihr kommt oder ob Ihr das erreichen könnt." Er hat aber immer auch klargemacht, dass das Erzbistum Berlin plant, in Potsdam die Marienschule zu gründen, die gibt es jetzt auch, die ist im Aufbau, also da hat noch keiner die Schule mit dem Abitur verlassen, so dass wir in Potsdam selbst ein eigenes Thema haben, eben unsere Marienschule, weil wir als Erzbistum Berlin dort auch der Träger sind. Insofern haben wir uns auch immer aus dieser Debatte herausgehalten, es gab auch nie eine offizielle Anfrage oder Bitte um Unterstützung à la "Könntet Ihr nicht und solltet Ihr nicht und wollt Ihr nicht oder habt Ihr nicht Geld oder ein Grundstück oder ein Gebäude, das Ihr zur Verfügung stellen könnt?" Sondern NEIN, der Verein ist ganz aus sich heraus mit diesem Plan angetreten und hat ihn nun eben auch durch alle Instanzen hindurch verfolgt.

domradio.de: Dem Erzbischof von Berlin, Kardinal Woelki wurde bei seiner Ernennung von der Presse unterstellt, er stehe dem Opus Dei nahe. Nun könnte eben diese Presse natürlich ihre Geschichte weiter drehen?
Förner: Dadurch dass das Opus Dei eine katholische Einrichtung ist, die vom Papst letztlich auch diesen Titel der Personalprälatur verliehen bekommen hat, deren Gründer heiliggesprochen ist, steht das Opus Dei in gewisser Weise jedem Katholiken nahe. Kardinal Woelki hat auch vor seiner Kardinalsernennung bei seiner Ankunft in Berlin immer versucht, wie ich fand, einen guten Weg zu gehen und zu sagen: Natürlich ist Opus Dei katholisch, was sollen wir darum herumreden. Und insofern, dass es katholisch ist, haben wir eine Verbindung und eine Nähe. Es ist ein Heiliger, den die katholische Kirche verehrt hat, der dieses Opus Dei gegründet hat, da gibt es gar kein Vertun. "Mir persönlich", also dem Kardinal persönlich, so hat er es mehrfach gesagt, "stehen andere Spiritualitäts- und Religiositätsformen näher als die, die der Gründer des Opus Dei vorgeschlagen und eingeführt hat." Ich habe auch den Eindruck, dass diese Diskussion gerade in Berlin nicht mehr wirklich aktuell ist. Man merkt umgekehrt schon, dass sich natürlich viele jetzt in der aktuellen Diskussion, ob die das dürfen oder nicht, sehr viel stärker von der Lektüre des Dan Brown beeinflussen lassen, der das Thema ja ein bisschen karikiert und zugespitzt hat, was man vom Opus Dei halten solle oder dürfe, als dass man einfach einmal genau in das Schulgesetzt des Landes Brandenburg schaut und sieht, was dort möglich ist. Vielleicht ein Satz noch dazu: Schulen in freier Trägerschaft sind eine große Bereicherung, in jedem Fall, auch wenn sie nicht die Ideologie, die Religion, den Glauben, die Weltanschauung vertreten, die wir als Katholiken haben. Auch dann ist das eine großartige Sache, gerade in einem Ballungsraum wie Berlin und Potsdam, die Wahl zu haben, ob man Montessori- oder Steinerschulen oder ob man eine freie Initiative, die von humanistischen Idealen geleitet ist, für sein Kind auswählen möchte oder ob man doch eine staatliche Schule wählt. Das wird in Potsdam auch weiter der Fall sein, es wird niemand gezwungen, sein Kind auf diese Schule zu schicken, es ist gerade in Potsdam auch nicht alternativlos. Und wenn jemand sagt, er finde es falsch, dass Jungs allein erzogen werden, dann bieten alle anderen Schulen Koedukation und alle Eltern können sich da frei entscheiden.

domradio.de: Wer soll denn auf diese Schule in Potsdam gehen? Welche Jungen sollen da erzogen werden? Wird das eine katholische bildungsbürgerliche Eliteschule?
Förner: Dass der Elitegedanke dem Opus Dei generell nicht fremd ist, würde auch das Opus Dei  selbst nicht abstreiten. Dass man bestimmte Personen, die eine hohe Begabung haben, den aber nicht die finanziellen Möglichkeiten gegeben sind, eine gewisse Förderung und finanzielle Unterstützung angedeihen lassen möchte, das ist auch bekannt. Ich bin einfach sehr gespannt, wer seine Kinder an diese Schule schicken wird. Wenn Sie nach Frankeich gucken, dort schicken die allergrößten Linken ihre Kinder auf katholische Schulen, weil sie sagen: Die sollen wenigstens in der Schule etwas Anständiges lernen. Katholische Schulen, ob nun in Trägerschaft des Erzbistums, für die ich sprechen kann, oder solche in Trägerschaft etwa des Canisius-Kollegs der Jesuiten in Berlin oder die neue Schule in Potsdam, profitieren – ich glaube, dass darf man ehrlicherweise sagen – von einem positiven Vorurteil, das sie dann auch bestätigen, dass man trotz aller Skandale, Vorbehalte und Kritik und aller Missbrauchsdebatten am Ende sagt: ‚Wir glauben aber trotzdem daran, die katholische Kirche hat eine gute Tradition und hat über die Jahrhunderte – Klosterschulen waren die ersten Schulen überhaupt ‑ bewiesen, dass sie es können. Wir wollen es ihnen weiter zutrauen.‘ Und dann wird man sehen, wie sich das in diesem Spezialfall des Vereins, der dem Opus Dei nahesteht, hier entwickeln wird.

domradio.de: Sie haben es ja eben schon gesagt: Das Erzbistum Berlin hat selbst eine eigene Schule in Potsdam. Wenn jetzt diese Opus-Dei-nahe Jungenschule gegründet wird, ist das Erzbistum Berlin dann in irgendeiner Weise in Entscheidungen, Lehre oder der christlichen Ausrichtung eingebunden?
Förner: Also, das Opus Dei  ist ja eine Personalprälatur, das heißt letzten Endes können Priester des Opus Dei machen was sie wollen; das ist natürlich so nicht richtig, aber sie sind nicht dem Ortsbischof, sondern ihrem Ordensoberen, also dem Leiter des Opus Dei verpflichtet. Das gibt ihnen in bestimmten Bereichen eine gewisse Freiheit. In dem Moment, in dem an dieser Schule in Potsdam Religionsunterricht erteilt wird, wird der zuständige Ortsbischof dafür die Missio erteilen, dann sind wir natürlich eingebunden. Ich gehe auch davon aus, dass man sich auf dem gleichen "Markt" begegnen und bewegen wird, wo es darum geht, katholische Lehrkräfte zu finden ‑ nebenbei gesagt: Das ist in der Diaspora auch nicht immer so ganz einfach, eine ausreichend Zahl solcher Lehrkräfte zu finden ‑, und darüber wird man sicher auch in Kontakt bleiben. Am Ende wird es ganz nüchtern so sein, dass wir natürlich auch auf diesem "Markt", wenn man das von der Schule und Bildung so sagen darf, in gewisser Weise auch Konkurrenten sind.

domradio.de: Die Kölner Fördergemeinschaft betreibt bereits seit mehr als 40 Jahren ein Mädchen-Gymnasium in Jülich in Nordrhein-Westfalen und will im Berliner Umland nach eigener Aussage zunächst ein Jungen- und später auch ein Mädchen-Gymnasium eröffnen. Wie erklären Sie sich dieses Engagement der Kölner ausgerechnet in Potsdam?
Förner: Wir hatten jetzt ja die Debatte mit Wolfgang Thierse, der traurig ist, dass er am Prenzlauer Berg keine Schrippen mehr bestellen kann, weil da so viele Schwaben zugezogen seien. Das ist natürlich pars pro toto eine richtige Beobachtung, gerade die katholische Kirche in Berlin lebt und wird auch gestärkt durch viele Zuzüge. Das ist eine einfache Rechnung: Im Bundesdurchschnitt ist die Zahl der Katholiken deutlich höher als im Berliner Landesdurchschnitt, der bei etwa 9% liegt, in der Stadt Potsdam wird die Zahl ähnlich liegen. Diese Katholiken, die nach Berlin kommen, nicht nur aus Schwaben, sondern aus ganz Deutschland, auch aus dem Erzbistum Köln allen voran, siehe Bischof Woelki, die bringen eine Vorstellung, eine Erwartung, eine Einstellung mit, wie Schule sein soll. Und da sind die natürlich von ihrem katholischen Hintergrund in vielen Fällen geprägt: ‚So hätten wir es gern wieder und so finden wir es dann vielleicht tatsächlich in einer katholischen Schule im Erzbistum Berlin in einer katholischen Trägerschaft auch wieder.‘ Das ist für mich die Haupterklärung, warum dieser Zulauf, dieses Interesse an katholischen Schulen gerade in Berlin-Brandenburg, wo wir ja nicht in der Mehrheit sind, gestiegen ist.

Das Interview führte Hilde Regeniter.