15.01.2013

Ackermann zeigt Verständnis für Enttäuschung der Opfer Aufarbeitung eines Scheiterns

Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, hat den Abbruch des Forschungsprojekts zum sexuellen Missbrauch in der Kirche bedauert, zugleich aber die Haltung der Bischöfe verteidigt.

Die Kündigung des Vertrags mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen von Christian Pfeiffer sei ein Rückschlag und bedeute eine massive Enttäuschung für die Opfer, räumte der Trierer Bischof am Montag im Interview mit Spiegel online ein. Die Aufarbeitung des Skandals sei aber nicht gescheitert, weil die Bischöfe das Projekt fortführen wollten und andere Untersuchungen erfolgreich abgeschlossen worden seien.

Ackermann verwies auf die im Dezember vorgestellte Studie des Essener Psychiaters Norbert Leygraf über Täter sowie den Abschlussbericht der Telefon-Hotline der Bischöfe, der am Donnerstag vorgestellt wird. Leygraf habe der Kirche schmerzliche Wahrheiten präsentiert; es habe dennoch keinen Ärger mit den Wissenschaftlern gegeben. "Die Kündigung des Vertrags hat wirklich viel mit der Person Pfeiffer zu tun", erläuterte der Bischof. Das Engagement Pfeiffers begründete der Trierer Bischof mit dem enormen Druck, unter dem die Kirche vor drei Jahren nach der Aufdeckung des Skandals gestanden habe. "Im Nachhinein kann man kritisch sagen: Wir hätten erst alle Vorklärungen treffen müssen, bevor wir eine Kooperation unterschreiben", sagte er.

Keine Aktenvernichtung

Pfeiffers Vorwurf der Aktenvernichtung wies der Missbrauchsbeauftragte erneut zurück. Der Kriminologe habe Gerüchte in die Welt gesetzt, ohne konkrete Bistümer nennen zu können. Ackermann räumte ein, dass "unsere Aktenführung in früheren Jahren nicht dem Standard entspricht, den man heute erwartet". Dennoch seien auch in früheren Jahren bei Sittlichkeitsverfahren der Tatbestand und das Urteil aufbewahrt worden. "So sieht es das Kirchenrecht vor. Also fallen keine Tat und kein Täter unter den Tisch."

Auch Leygraf nahm die katholische Kirche am Montag gegen Zensurvorwürfe in Schutz. Der Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen sagte am Montag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Essen, die Kirche habe in keiner Weise Einfluss auf den Abschlussbericht seines Forschungsprojekts genommen und keine Zensur ausgeübt. Das gelte auch für eine geplante Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift.

Wie bei Drittmittelstudien üblich, seien die Ergebnisse der Studie den Auftraggebern aber vor der Veröffentlichung vorgestellt worden. Mit Blick auf die Auseinandersetzung mit Pfeiffer riet Leygraf den Bischöfen, sie sollten für die Fortsetzung der Studie einen Kriminologen suchen, "der weniger öffentlichkeitsorientiert, aber dafür fundierter vorgeht".

Für die im Dezember veröffentlichte Studie Leygrafs wurden 78 Gutachten aus 21 deutschen Bistümern ausgewertet. Die Gutachten wurden zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2010 erstellt; die meisten Vorfälle lagen mehrere Jahrzehnte zurück. Leygraf bezeichnete die Beteiligung von 21 Diözesen als hoch. Die Studie hatte festgestellt, dass katholische Priester, die Minderjährige missbrauchen, in den seltensten Fällen in klinischem Sinne pädophil seien. Die Beweggründe für sexuelle Übergriffe ließen sich überwiegend dem "normalpsychologischen Bereich" zuordnen.

Ruhrbischof macht Pfeiffer für Studien-Stopp verantwortlich

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck hat den Kriminologen Pfeiffer für den Abbruch des Forschungsprojekts verantwortlich gemacht. Nur wegen eines persönlichen Zerwürfnisses mit dem Projektleiter hätten die Bischöfe die Studie aufgekündigt, sagte Overbeck am Montagabend beim Jahresempfang des Bistums Essen in Mülheim. Pfeiffer habe sich trotz langer und geduldiger Einigungsversuche nicht auf die von den Bischöfen geforderten Regelungen eingelassen, die Persönlichkeitsrechte und die datenschutzrechtlichen Bestimmungen zu wahren.

Overbeck bedauerte vor 300 Gästen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur, dass in den vergangenen Tagen die Bereitschaft der Kirche zu Offenheit und Transparenz erneut öffentlich angezweifelt worden sei. "Das schmerzt mich und viele andere sehr", so Overbeck. Der Wechsel des Projektpartners sei nicht gleichzusetzen mit einem Ende der kriminologischen Aufarbeitung.

Das Bistum Essen sei allen Hinweisen auf möglichen sexuellen Missbrauch nachgegangen und habe alle Schritte entsprechend der Verfahrensordnung eingeleitet, betonte Overbeck. Zudem habe sich die Diözese zu einem umfassenden Präventionsprogramm verpflichtet.

Wegen "massiven Vertrauensverlusts" hatten die Bischöfe am Mittwoch ihre Zusammenarbeit mit dem von ihnen beauftragten Kriminologen Christian Pfeiffer aufgekündigt. Zugleich sicherten sie zu, zur Erforschung der Fälle sexuellen Missbrauchs einen neuen Partner zu suchen.

(KNA)