17.12.2012

Restaurierung der Stanzen Raffaels beendet Leuchtende Farben, überraschende Erkenntnisse

Neben der Sixtinischen Kapelle gehören die Stanzen des Raffael zu den bedeutendsten und bekanntesten Kunstschätzen der Welt. Nach 30 Jahren sind jetzt die Restaurierungsarbeiten an den Fresken abgeschlossen.

Fünf Millionen Menschen besuchten in diesem Jahr beim Rundgang durch die Vatikanischen Museen die alten Audienzräume der Päpste mit den weltberühmten Renaissance-Gemälden der "Schule von Athen" oder der "Bolsena-Messe". In den nächsten Tagen werden die Gerüste abgebaut, bestätigte der zuständige Direktor der Museen, der Kunsthistoriker Arnold Nesselrath.

Zuletzt hatten die Restauratoren Raffaels Bild der «Begegnung von Leo dem Großen mit Attila» bearbeitet. Es zeigt, wie der Papst dem gefürchteten Hunnenkönig 452 bei Mantua entgegentritt. Attila weicht zurück, und damit sind Italien und Rom gerettet.

Das Attila-Fresko ist einer der Höhepunkte des Renaissance-Zyklus - und kunsthistorisch besonders interessant. Der Vergleich mit einer Entwurfsskizze Raffaels zeigt, dass Leo X. das vom Vorgänger Julius II. in Auftrag gegebene Werk deutlich veränderte. Ursprünglich sollte es der Papst sein, der den Hunnenkönig in die Flucht schlägt; jetzt sind es, über dem Papst im Himmel schwebend, die Apostel Petrus und Paulus. Dahinter würden die "unterschiedlichen Charaktere und eine unterschiedliche Politik" der beiden Päpste deutlich, so Nesselrath.

Petrus hat als Attribut hier nicht nur die Schlüssel, sondern - wie Paulus - auch ein Schwert in der Hand. Im Hintergrund steht das römische Kolosseum. Die Botschaft: Der Papst - mit den Gesichtszügen des Auftraggebers Leo X. - stellt sich vor Rom, das uralte Zentrum der Kirche.

Neue Erkenntnisse

Zwei- bis dreimal im Jahrhundert werden die Fresken des Raffaello Sanzio (1483-1520) in den Stanzen einer gründlichen Reinigung unterzogen. Papst Julius II. (1503-1513) hatte den jungen Raffael 1508 mit der Ausgestaltung seiner Audienzräume beauftragt - im gleichen Jahr, in dem er Michelangelo den Auftrag für seine Palastkapelle, die Sixtina, gab. Mit den Stanzen wollte sich der Papst in seiner Gelehrsamkeit darstellen. Sie waren für ihn Bibliothek und Studierzimmer, Räume, in denen er regierte, Gericht hielt, Gesandtschaften empfing und zu offiziellen Essen einlud.

Begonnen hatte der jetzige Wartungszyklus 1982. Rechtzeitig zum 500. Geburtstag Raffaels 1983 wurde das Bild der Kaiserkrönung Karls des Großen fertig. Zum Heiligen Jahr 2000 erstrahlte die Sala della Segnatura in neuem Glanz. Es ist der Raum, in dem die rationale Wahrheit - verkörpert in der "Schule von Athen" mit allen Geistesgrößen der Vergangenheit - der übernatürlichen Wahrheit der Theologie gegenübergestellt wird: Der "Disputa des allerheiligsten Sakramentes".

Nach der Entfernung von Staub und Schmutz und der sorgsamen Abtönung von Fehlstellen treten jetzt die leuchtenden Farben hervor. Zugleich ergaben sich neue Erkenntnisse über die Entstehung der Bilder: Über die Schnelligkeit und Effizienz, mit der Raffael arbeitete, und wie er sich von Helfern zuarbeiten ließ.

Neue Arbeiten warten

Zugleich fanden die Restauratoren Einstiche von Lanzen vor allem in den Gesichtern der Philosophen, mit denen die Landsknechte beim Sacco di Roma 1527 ihre Wut darüber abreagierten, dass dem Papst Klemens VII. die Flucht in die Engelsburg gelungen war. Man entdeckte auch Kleckse und Spuren von Unfällen, die Raffael und seine Kollegen korrigieren mussten. Schon vor Jahren fand man im Putz des "Borgo-Brandes" Reste von gekochten Bohnen, offenbar vom Mittagsgericht eines Malers.

Nach dem Mammut-Projekt in den drei Sälen der "Stanzen" dürfte die Arbeit der Restauratoren an vatikanischen Raffael-Fresken weitergehen. Als nächstes könnte jetzt die Sala di Costantino an die Reihe kommen, ließ Nesselrath durchblicken. Diese gehört zwar nicht zu den Stanzen, ist aber Teil des alten Papst-Appartements. Ein Beginn gerade im Konstantin-Jahr 2013 setzt ein besonderes Signal: 1.700 Jahre nach der Mailänder Vereinbarung von 313, in der Konstantin den Bürgern seines Reich die freie Wahl der Religion zusagte - und damit dem Christentum den Weg öffnete. 

Johannes Schidelko
(KNA)