14.12.2012

Wie Frankreichs Kirche gegen gesellschaftliche Strömungen kämpft Jubiläum in einer schwierigen Zeit

850 Jahre wird die Pariser Kathedrale Notre Dame 2013 alt - und entsprechend aufwendig sind die Feierlichkeiten im Erzbistum. Im Jahr 2012 hatte die katholische Kirche in Frankreich bislang wenig Grund zur Freude.

Unter der Leitung des Pariser Kardinals und Vorsitzenden der Französischen Bischofskonferenz, Andre Vingt-Trois, kämpft sie an vielen Fronten gegen gesetzliche Neuerungen, seit Francois Hollande im Frühling französischer Staatspräsident wurde. Jüngste Baustelle: Die Forschung an embryonalen Stammzellen, die der französische Senat vergangene Woche unter strengen Auflagen befürwortete. Dies sei eine "anthropologische Grenzüberschreitung", kritisierten die Bischöfe in einer Erklärung. Damit habe sich der Senat "gegen die Schutzwürdigkeit des embryonalen Lebens" entschieden.

Die geplante Freigabe der Forschung entspricht einer Reihe von anderen Entscheidungen der Regierung, die im Gegensatz zu katholischen Wertvorstellungen stehen: So stimmte etwa das Kabinett Mitte November für die Legalisierung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Im Januar soll das neue Gesetz voraussichtlich in Kraft treten. Die Bischöfe hatten sich - wie Vertreter der großen anderen Religionsgemeinschaften in Frankreich - immer wieder dagegen ausgesprochen. Erfolglos.

Ähnlich kontrovers verläuft zur Zeit die Debatte zur aktiven Sterbehilfe: Eine von Hollande im Juli eingerichtete Ethikarbeitsgruppe zum "Ende des Lebens" soll in öffentlichen Diskussionsrunden die gesellschaftliche Meinung zum Thema ermitteln und die Ergebnisse am 18. Dezember dem Präsidenten vorstellen. Dieser war bereits im Wahlkampf für eine Zulassung aktiver Sterbehilfe für unheilbar Kranke eingetreten, die ausdrücklich die Beendigung ihres Lebens wünschen. Bisher ist aktive Sterbehilfe in Frankreich nach einem Gesetz von 2005 strafbar. Ärzte dürfen die Behandlung unheilbar Kranker jedoch abbrechen oder einschränken, wenn der Patient dies wünscht.

"Katholikenphobie"

Und noch ein weiteres Ereignis der vergangenen Woche zeigt, wie angespannt die Stimmung zwischen Regierung und Kirche ist: Da forderte die grüne Wohnungsbauministerin Cecile Duflot Kardinal Vingt-Trois auf, leerstehende Gebäude der Kirche für Wohnungslose zur Verfügung zu stellen - sonst würden sie beschlagnahmt. Die Präsidentin der christdemokratischen Partei, Christine Boutin, bezeichnete diese Forderung als Stimmungsmache gegen die Kirche, sprach sogar von "Katholikenphobie". Der Sprecher der Bischofskonferenz, Bernard Podvin, wies die Forderung der Ministerin zurück. Sie basiere auf Unkenntnis von Christentum und Kirche.

Seit 2005 ist Kardinal Andre Vingt-Trois, der auf Jean-Marie Lustiger folgte, Pariser Erzbischof; seit 2007 leitet er die Bischofskonferenz. Zu den Gegnern, die von außen an den katholischen Werten rütteln, kommt die innerkirchliche Krise: Zwar hat die Kirche Frankreichs bisher anders als die belgischen und deutschen Nachbarn mit keinem Missbrauchsskandal zu kämpfen hat, allerdings leidet sie wie in anderen Ländern auch an zunehmendem Desinteresse. Im Oktober etwa kam eine repräsentative Studie des Meinungsforschungsinstituts Ifop zu dem Schluss, dass die Franzosen deutlich seltener getauft seien, ihren Glauben weniger praktizierten und der Kirche als Moralinstanz weniger Mitspracherecht zugeständen als noch vor 50 Jahren.

Der Geburtstag von Notre Dame soll mit Gottesdiensten und zahlreichen kulturellen Veranstaltungen das Interesse der Pariser und der Touristen für die Kirche neu entfachen, wünschen sich die Organisatoren. Vielleicht kann er auch zur Glaubenserneuerung beitragen. Dass er die ethischen Vorstellungen und Entscheidungen der Regierung Hollande beeinflussen wird, scheint hingegen eher unwahrscheinlich.

Nina Schmeding
(KNA)