01.06.2012

Bischof Overbeck und Experten wagen sich an ein heißes Eisen Kontroverser Kirchentalk über Sex

Ein Dialog über das Thema Kirche und Sexualität? Und dann auch noch mit jenem Bischof, der sich doch schon so klar ablehnend zur homosexuellen Praxis geäußert hatte? Da müssen doch eigentlich die Wogen hoch schlagen. Tun sie aber nicht.

Die Podiumsdiskussion am Donnerstagabend mit dem Essener Bischof Franz-Josef Overbeck in Mülheim an der Ruhr ist durchaus kontrovers. Aber die rund 200 Zuhörer im Auditorium der Akademie "Die Wolfsburg", darunter auch Schwule, erleben einen nicht unbedingt zu erwartenden sachlichen Meinungsaustausch auf hohem Niveau.

Für den "Dialog mit dem Bischof" im Rahmen der Debatte um die Kirchenzukunft hatte Akademie-Direktor Michael Schlagheck Fachleute geladen, die aus ganz unterschiedlichen Erfahrungswelten ihre Not mit der katholischen Sexuallehre haben. Am stärksten stellt die Hamburger Sexualforscherin Hertha Richter-Appelt die lehramtlichen Vorgaben in Frage. Sie kritisiert besonders die enge Koppelung von Sexualität und Zeugung. "Sexualität nur auf Reproduktion zurückzuführen, ist überholt." Ob Masturbation, gleich- oder gegengeschlechtliche Sexualität - entscheidendes moralisches Kriterium müsse sein, ob man sich selbst oder anderen schade.

Auch die beiden anderen, im kirchlichen Umfeld beheimateten Podiumsteilnehmer, der Münchner Moraltheologe Konrad Hilpert und der Bonner Psychoanalytiker und Beratungsstellenleiter Elmar Struck, hadern mit den kirchlichen Normen. Hilpert mahnt erst einmal eine offene Debatte über Sexualität in der Kirche an. Und berichtet über Theologen, die sich an das Thema wagten und bei Berufungen auf Lehrstühle an dieser Frage beruflich scheiterten.

"Da kann man nicht einfach Verzicht predigen"
Hilpert kritisiert ebenfalls eine starre Verbindung zwischen Sexualität und Zeugung in der kirchlichen Lehre. Für ihn ist es keine Frage, dass auch Kinder zu einer Beziehung gehören. Das bedeute aber nicht, dass "die Offenheit für das Kind" für jeden Geschlechtsakt gelte. Hilpert plädiert dafür, von einer Verbotsmoral wegzukommen und eine Tugendmoral zu entwickeln, die positive Werte wie Treue, vorbehaltlose und ganzheitliche Annahme attraktiv präsentiere.

Ähnlich sieht es Struck. Die enge Koppelung von Sexualität an Ehe und Familie hält auch er für problematisch. Viele Menschen seien gar nicht in der Lage, sich auf "das Abenteuer Ehe" einzulassen, hätten aber nun mal eine Sexualität. "Da kann man nicht einfach Verzicht predigen", so Struck. Und mit Blick auf Geschiedene, Homosexuelle und Singles meint der Lebensberater: "Wir müssen freundlichere Antworten finden für Menschen, die nicht in einer Ehe leben."

Overbeck signalisiert Dialogbereitschaft
Und was sagt der Bischof? Er räumt ein, dass viele Menschen Schwierigkeiten mit der kirchlichen Autorität haben - nicht nur in Fragen der Sexualität. Auch er kann dem Gedanken nach einer ganzheitlichen Sicht von Sexualität Positives abgewinnen. Overbeck erinnert an die "Schätze" der kirchlichen Tradition, dass Sexualität in das weite Feld der Liebe eingebettet sei und dass Ehe und Familie für Frauen und Männer einen Schutzraum darstellten. Der Ruhrbischof bleibt eher grundsätzlich und signalisiert weitere Dialogbereitschaft.

Ganz konkret wird er aber auf die Frage eines Homosexuellen hin: Ob sich der Bischof denn vorstellen könne, dass es für ihn und seinen Partner in 20 Jahren einen kirchlichen Segen geben könne. Overbeck lässt keinen Zweifel daran, dass er sich diesen Segen, der dem für Ehepartner sehr nahekomme, nicht vorstellen könne. Aber er bekundet im gleichen Atemzug, dass mit der Frage die Ernsthaftigkeit der Beziehung angesprochen sei. Und er sich da kein Urteil erlauben wolle. Das sind ganz andere Töne als die, die schon einmal in einer emotional aufgeheizten TV-Talkshow zu hören waren.

Andreas Otto

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