12.05.2012

Bischof Overbeck über Aufgaben von Soldaten und Militärseelsorge "Sinnvoll und wichtig"

Noch bis Montag ist Franz-Josef Overbeck in Lourdes. Nach seinem Appell, Gewalt als letztes Mittel einzusetzen, hat der Militärbischof Wehrdienst als sinnvolle Möglichkeit bezeichnet, "etwas für das Gemeinwohl zu leisten".

KNA: Herr Bischof, Soldaten und eine Pilgerfahrt nach Lourdes - passt das zusammen?
Overbeck: Pilgern ist eine alte Tradition; es gehört zum Leben jedes Menschen. Pilgern leistet auch immer einen Beitrag zur Friedenbeschaffung. Auch die Soldaten in den Einsatzgebieten leisten mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zum Frieden. Hier in Lourdes kommen sie dann mit ihren unterschiedlichsten Anliegen zusammen und beten, in der Hoffnung, dass sie gestärkt werden. Die Religion verbindet hier Soldatinnen und Soldaten aus mehr als 30 Nationen. Ich spüre, dass die Soldaten durch die Erfahrung der Gemeinschaft wieder erstarkt in ihren Dienst zurückgehen können. Für viele ist die Soldatenwallfahrt eine Chance für gelebte Völkerverständigung. Eine solche Erfahrung bleibt lange in den Herzen der Soldaten.

KNA: Sie sind nun seit rund einem Jahr Militärbischof. Welche Aufgaben sehen Sie in der Verantwortung dieses Amtes?
Overbeck: Die Herausforderung liegt vor allem in der Seelsorge. Die Soldaten werden während ihrer Einsätze mit Gewalt konfrontiert und kommen mit Sorgen und schrecklichen Eindrücken zurück nach Deutschland. Auch die zurückgelassenen Familien leiden, wenn Männer und Frauen oft lange und sehr weit von ihrer Heimat entfernt sind. Es ist gut, dass das Interesse der Politik und Kirche groß ist, den Soldaten in diesen Punkten Hilfestellung zu leisten. Mit der Seelsorge direkt in den Krisengebieten und den verschiedenen sozialen Aktivitäten der Militärseelsorge in der Heimat versuchen wir als Kirche, die Soldaten aufzufangen. Wir bieten zum Beispiel Familienfreizeiten und Werkwochen für die Männer, Frauen und Kinder an, damit sie nach einem Einsatz zur Ruhe kommen können.

KNA: Welchen Nutzen hat die Militärseelsorge für die Soldaten selbst, im besonderen hier in Lourdes?
Overbeck: Vor allem junge Männer und Frauen können mit Hilfe der Militärseelsorge Selbstbewusstsein erlangen und lernen, einen festen Standpunkt zu beziehen. Für körperlich und geistig verletzte Soldaten kann Lourdes ein Ort sein, an den sie mit ihren ganz unterschiedlichen Anliegen kommen können in der Hoffnung, dass sie Stärkung erfahren. Auch die Gemeinschaft untereinander stärkt; die gelebte Praxis des Glaubens hier in Lourdes erfahren zu können, ist von hoher Bedeutung für viele. Hier erfahren sie, dass Beten einen wichtigen Sinn in der Völkergemeinschaft hat und Beten auch Gemeinschaft braucht. Auch wird bei einer Internationalen Wallfahrt deutlich, dass Globalisierung nicht angsterregend, sondern ein gutes Hoffnungssignal für die Zukunft sein kann.

KNA: Wie bewerten Sie die Auslandseinsätze von Soldaten?
Overbeck: Oberste Priorität hat, dass Soldaten Gewalt nur im äußersten Notfall und vor allem verantwortungsvoll einsetzen. Mit einem festen Glauben lassen sich solche Entscheidungen gewissenhafter treffen. Soldaten setzten sich für den Frieden ein und verteidigen das Recht und die Würde anderer - das ist zu befürworten. Sie stehen für das Weltgemeinwohl.

KNA: Würden Sie jungen Männern und Frauen raten, Wehrdienst zu leisten?
Overbeck: Es ist meiner Meinung nach absolut angemessen, etwas für das Gemeinwohl zu tun. Aus dieser Perspektive ist der Dienst sinnvoll und wichtig. Angesichts der Konflikte braucht es Männer und Frauen, die sich mit Klugheit für die Verteidigung der Freiheit und der Würde in den Krisengebieten der Welt einsetzen. Da ist der Bundesfreiwilligendienst ebenso wie der Wehrdienst ein positives Mittel, etwas für die Gesellschaft zu leisten.

KNA: Vor welchen Herausforderungen steht die Militärseelsorge?
Overbeck: Die Zahl der Wehrdienstleistenden in Deutschland wird immer geringer, ebenso wie die Zahl der Gläubigen. Christsein aus Tradition und Gewohnheit ist nicht mehr selbstverständlich. Doch Christsein braucht vor allem die Überzeugung von Erwachsenen. Wir müssen nun neue Wege finden, einen Zugang zu den christlichen Aspekten zu schaffen, auch in der Militärseelsorge, um mehr junge Menschen für den Glauben zu begeistern.

Das Gespräch führte Kerstin Kotterba