27.03.2012

Rassismus-Debatte nach Mord in den USA "Zeichen der Kultur der Angst"

Nach der Ermordung des unbewaffneten schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin halten in den USA die Proteste an. "Man will den Rassismus nicht mehr tolerieren", sagt Sabine Sielke. Die Kulturwissenschaftlerin blickt im domradio.de-Interview auf die Geschichte der nordamerikanischen Rassentrennung zurück - und vergleicht das Problem mit dem des Rechtsextremismus in Deutschland.

domradio.de: Dass der Mann bislang nicht in Haft genommen wurde, hat die Gemüter erhitzt. Und inzwischen ist daraus ein Fall "Weiß gegen Schwarz" geworden. Ist jetzt erneut etwas aufgebrochen, was auch 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung und ungeachtet eines schwarzen Präsidenten sich nie wirklich gebessert hat?
Sabine Sielke: Es steht außer Frage, dass die Tat zu verurteilen ist, da ist sich jeder einig, das hat auch Barack Obama betont. Gleichzeitig ist es zu schnell geschlussfolgert, dass sich in den USA die Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen betreffend in den letzten 60 Jahren nichts geändert hat. Wenn man mit den Menschen spricht, die in den 1950er und 60er Jahren aufgewachsen sind, betonen die immer wieder: Es hat sich unheimlich viel geändert. Man vergisst, dass in 50er Jahren noch Schwarze hinten im Bus sitzen mussten, dass erst ab 1965 Minderheiten wählen gehen konnten. Es hat sich viel geändert seitdem. In den USA ist man auch sehr sensibel gegenüber Fremdenfeindlichkeiten, die eine lange Geschichte in dem Land haben. Und die Demonstrationen zeigen, dass man das nicht mehr tolerieren will.

domradio.de: Nun betonen  Experten, auch die besonderen Gesetze Floridas hätten zu der Tat beigetragen. Sie geben den Bürgern nämlich ein besonders ausgeprägtes Recht auf Selbstverteidigung. Ist so ein Gesetz in einem Land, dass mit Rassismus zu kämpfen hat, nicht besonders gefährlich?
Sielke: Diese Gesetze finden wir irritierend, sie sind aber aus der Geschichte der USA heraus zu verstehen. Und: verschiedene Staaten haben unterschiedliche Perspektiven auf das Thema. Die National Rifle Association (die US-Waffenlobby, Anm. d. Red.) spricht sich für Gesetze aus, die es einräumen, sich selber verteidigen zu können - im Fall der Notwehr. Man muss diese Gesetze eben auch genau auslegen. Und in diesem Fall wird von der Staatsanwaltschaft auch genau geprüft, was genau geschehen ist. Offensichtlich ist hier auch falsch gehandelt worden. Der örtliche Polizeichef hat vorübergehend sein Amt niedergelegt, jetzt wird der Fall geprüft. Die Gesetze haben natürlich auch ihre Grenzen.

domradio.de: Es stellt sich jetzt natürlich die Frage, ob es auch einen weißen Jungen getroffen hätte?
Sielke: Das weiß man nicht. Man nimmt an, es wäre anders gelaufen. Solche Vorkommnisse sind auch ein Zeichen der Kultur der Angst, die darin besteht, dass man sich gegen Fremde wehrt, dass man Afro-Amerikanern bestimmte Motivationen zuschreibt - und anderen Menschen nicht. Das ist sicherlich verwerflich. Aber solche Dinge passieren bei uns auch. Auch in Frankreich werden Menschen ermordet, weil sie Juden sind. In Deutschland, weil sie türkischstämmig sind, wenn man an die Mordserie der NSU denkt.

domradio.de: Hat sich durch Barack Obama denn nichts verändert beim Thema Rassismus in Amerika?
Sielke: Man hat sehr viel Hoffnung in ihn gesetzt. Und die amerikanische Gesellschaft hat sich dadurch auch bewiesen, dass sie eben nicht mehr rassistisch ist. Aber gleichzeitig wissen wir, dass mit Barack Obama ein Intellektueller, ein Mitglied der oberen Mittelschicht in die Präsidentschaft gekommen ist - und die ökonomischen Unterschiede bleiben, die zu weiteren Spannungen führen. Man muss auch sehen, dass der ganze Vorgang im Zusammenhang mit der US-Geschichte betrachtet wird, die durch das Töten von Afro-Amerikanern bis in die 50er Jahre geprägt war. Afro-Amerikaner wurde dafür ermordet, dass sie schwarz waren. Sie waren stets Gewalt ausgesetzt. Und man interpretiert diesen Fall jetzt im Rahmen dieser Geschichte.

domradio.de: Woher kommt dieser Hass gegen Schwarze, der offenbar immer noch vorhanden ist oder niemals verschwinden wird?
Sielke: Ich weiß nicht, ob das Hass ist. Man muss auch sehen, dass die amerikanische Kultur mit diesem Widerspruch aufgewachsen ist: Man hat Demokratie und Freiheit verkündet und gleichzeitig eine Gruppe bis in die 1860er Jahre versklavt. Und diese Geschichte wirkt nach. Lange wurde sie verdrängt, dann wurde sie aufgearbeitet. Im Bewusstsein der amerikanischen Kultur ist sie auch heute noch immer da, und sie kann auch nicht überwunden werden. Es ist eine Auseinandersetzung mit der Geschichte, die ganz unterschiedliche Formen annimmt. Und bei manchen Menschen führt sie zu Reaktionen, die wir einfach nur verurteilen können. Wir in Deutschland haben mit einer durchaus vergleichbaren Geschichte zu kämpfen: mit dem Nationalsozialismus. Da kennen wir auch Reaktionen, die wir verurteilen, die aber trotzdem auch in Zukunft da sein werden. Man muss einfach sensibel damit umgehen und diese Diskussion wach halten. Und genau das geschieht in den USA jetzt mit den Demonstrationen.

Zur Person: Prof. Sabine Sielke ist eine deutsche Kulturwissenschaftlerin und seit 2001 Inhaberin des Lehrstuhls für North American Studies an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Sie leitet dort das North American Studies Program, das German-Canadian Centre und das Forum Frauen- und Geschlechterforschung und ist Mitbegründerin und Stellvertretende Sprecherin des Zentrums für Kulturwissenschaft/Cultural Studies.

Das Gespräch führte Dagmar Peters.

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