20.02.2012

Zustimmung für Kandidaten Gauck in den Kirchen Mit Vertrauensvorsprung

In den Kirchen gibt es für den Bundespräsidenten-Kandidaten Joachim Gauck breite Zustimmung. Der evangelische Theologe und ehemalige Pfarrer bringe gute Voraussetzungen für das hohe Amt mit und genieße ein großes Vertrauen in der Bevölkerung, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider. Auch der Bamberger katholische Erzbischof Ludwig Schick begrüßt die schnelle Einigung der Parteien.

Am Sonntagabend hatten sich die Spitzen der schwarz-gelben Koalition sowie von SPD und Grünen darauf verständigt, dass der langjährige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde und ehemalige DDR-Bürgerrechtler Gauck neuer Bundespräsident werden soll.
Zustimmung dazu kommt aus Gaucks Heimatkirche. Er wünsche ihm, "dass er nach den Enttäuschungen der jüngsten Präsidentschaft nicht mit übermenschlichen Erwartungen konfrontiert wird", sagte der mecklenburgische Landesbischof, Andreas von Maltzahn. Er erinnerte an das Wirken von Joachim Gauck als Pastor in Mecklenburg und an seine Rolle in der friedlichen Revolution im Herbst 1989. "Beides ist in unserer Landeskirche in bester Erinnerung."

Gauck war als Gemeindepastor zunächst ab 1967 in Lüssow (Landkreis Rostock) und dann ab 1971 in Rostock tätig. Zudem war er Vorsitzender des Kirchentagsausschusses in Mecklenburg. Durch diese Arbeit sei er sehr bekanntgeworden, "vor allem durch seine Reden und Predigten", hieß es aus der Pressestelle der mecklenburgischen Landeskirche. Im November 1990 sei Gauck auf eigenen Antrag aus dem Dienst als Pastor in der Landeskirche entlassen worden. Er bekomme deswegen auch keine Versorgungsleistungen der Landeskirche.

Glück: Kein Eifersüchteleien
Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, begrüßt die Nominierung Gaucks. "Es wäre kleinkariert, wenn die christlichen Konfessionen jetzt mit Eifersüchteleien beginnen würden", sagte Glück dem Berliner "Tagesspiegel" (Dienstagsausgabe). Es falle zwar ins Auge, dass diesmal auffällig viele evangelische Theologen - darunter der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber - als Kandidaten gehandelt wurden. Allerdings sei bei ihnen eher Funktion und persönliche Biografie entscheidend als die konfessionelle Herkunft.

Zudem sei mit Bundestagspräsident Norbert Lammert "ja auch ein bekannt engagierter Katholik im Spiel" gewesen, fügte der ZdK-Präsident hinzu. Unabhängig von der Konfession finde er es "sehr gut, wenn Menschen auch über ihr Christsein und ihre Konfession in öffentlichen Ämtern wahrgenommen werden und Verantwortung übernehmen".

Auch Martin Lohmann, Mitbegründer des "Arbeitskreises Engagierter Katholiken" in der CDU, äußerte sich zufrieden mit der Einigung auf Gauck, der als evangelischer Pastor in Rostock zu den Wortführern der Friedlichen Revolution in der DDR zählte. "Joachim Gauck wird Deutschland gut tun", sagte Lohmann zu "Tagesspiegel online". Natürlich gebe es auch hervorragende Katholiken für das erste Amt im Staat. "Aber jetzt geht es nicht um einen Konfessionswettbewerb, zumal überzeugte katholische Christen sich auch über überzeugte evangelische Christen freuen." Allerdings hoffe er auch, dass man sich, "wenn es mal konfessionell anders sein sollte", auch "an die jetzt selbstverständliche Toleranz erinnern" werde.

Begrüßt wird die Nominierung Gaucks auch vom Vorsitzenden der Nordelbischen Kirchenleitung und Schleswiger Bischof Gerhard Ulrich. "Joachim Gauck ist eine in jeder Hinsicht überzeugende Persönlichkeit", sagte Ulrich am Montag in Kiel. Es sei ein Zeichen von Verantwortung, dass die beteiligten Parteien politisches Kalkül zurückgestellt und sich schnell auf den unabhängigen Kandidaten hätten einigen können, sagte der Bischof.

Ulrich bezeichnete den evangelischen Theologen Gauck als eine Persönlichkeit, "die unabhängig und klar im christlichen Glauben gegründet für die Menschen eintritt". Dem designierten Staatoberhaupt sei zuzutrauen, "aus eigener Unabhängigkeit und Bindung zugleich eine neue Lust an der Demokratie, an Zivilcourage und zivilem Engagement zu entfachen".

Warnung vor zu hohen Erwartungen
Der evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer begrüßte ebenfalls die Nominierung, warnte zugleich aber vor zu hohen Erwartungen. Wenn jemand, der für die Freiheit gekämpft habe, nun an der Spitze stehe, sei das "eine gute Sache", sagte Schorlemmer dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Wittenberg. Der Kandidat werde aber noch erweisen müssen, dass er neben Lobliedern auf die bürgerliche Freiheit noch andere Schwerpunkte setzen könne.

Das Staatsoberhaupt müsse auch für diejenigen sprechen, die sich die Freiheit nicht leisten können, ergänzte Schorlemmer: "Andersgesagt: Die Freiheitsfrage muss immer auch mit der Brotfrage verbunden werden."

Der pfälzische Kirchenpräsident Christian Schad wertete die Nominierung von Gauck als ein gutes Zeichen für die Funktionsfähigkeit der Demokratie. Dass diese Entscheidung im Konsens gefallen und von einer parteipolitisch motivierten Kandidatur abgesehen worden sei, gebe dem künftigen Staatsoberhaupt die Chance, mit seiner besonderen Vertrauenswürdigkeit und Unabhängigkeit Präsident aller Bürger zu werden, sagte Schad in Speyer.

Erzbischof Schick begrüßt rasche Einigung auf Gauck
Der Bamberger katholische Erzbischof Ludwig Schick begrüßt die schnelle Einigung der Parteien auf Joachim Gauck als
Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten. Der DDR-Bürgerrechtler und evangelische Theologe sei eine anerkannte Persönlichkeit mit einer christlichen Herkunft und freiheitlichem Grundrechtsverständnis, sagte Schick am Montag in Bamberg.

Gleichzeitig schloss sich der Erzbischof Gaucks Forderung nach einer ethisch-moralischen Erneuerung an. Zudem rief Schick zum gesellschaftlichen Engagement und zum Gebet für "Heimat, Vaterland und die bürgerliche Gesellschaft" auf. Dabei, so der Bischof, sei es Merkmal der Christen, sich in der Politik weder durch bissige Kritik noch durch Lobhudelei hervorzutun, sondern aktiv mitzuwirken am Wohl der Gesellschaft.

DDR-Bürgerrechtler erfreut
DDR-Bürgerrechtler haben die Kandidatur von Joachim Gauck für das Amt des Bundespräsidenten begrüßt. Der Theologe und erste Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen habe "einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die zweite deutsche Diktatur überwunden wurde und wir heute in Freiheit leben können",
sagte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Aufarbeitung, Rainer Eppelmann, am Montag dem epd in Berlin. Er halte Gauck "für einen glaubwürdigen und kompetenten Menschen".

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, sagte in Berlin, der gemeinsame Vorschlag der Parteien für Gauck sei eine Anerkennung auch dessen Arbeit als erster Beauftragter der Behörde. "Es ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Aufklärung über die SED-Diktatur als ein Wert für die Demokratie angesehen wird", ergänzte Jahn. Er führt seit 2011 die Stasiunterlagenbehörde. Gauck stand von 1990 bis 2000 an der Spitze der Behörde.

Der Bürgerrechtler und ehemalige Leipziger Pfarrer Christian Führer empfindet die Nominierung Gaucks als Bestätigung für Christen. Das offenkundige Vertrauen in die Glaubwürdigkeit von Christen, die sich in den vergangenen Tagen gezeigt habe, "freut mich sehr", sagte Führer in Leipzig.

Dass mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem künftigen Bundespräsidenten Gauck zwei Menschen mit ostdeutscher und protestantischer Biografie an der Spitze des Staates stünden, sei auch eine Würdigung der friedlichen Revolution, sagte Führer. Es zeige sich, dass die DDR nicht einfach von der Bundesrepublik
vereinnahmt wurde, sondern die Menschen aus dem Osten heute Teil der Gesellschaft sind, sagte der evangelische Theologe, der in Leipzig in den 80er Jahren die Friedensgebete in der Nikolaikirche veranstaltete.

Der Bürgerrechtler und Grünen-Politiker Werner Schulz erinnert sich an Gauck als jemanden, der sich nicht "wegduckt vor Problemen oder sich anpasst oder anderen nach dem Mund redet". Dem MDR-Hörfunk sagte er weiter, dass er in Gauck einen Bürgerpräsidenten sehe, der auch mit unbequemen Ansichten den gesellschaftlichen Diskurs befördern werde.

Islamverbände reagieren zurückhaltend
Muslimische Verbände haben sich zurückhaltend zum designierten Bundespräsidenten geäußert. "Wir hoffen natürlich, dass Herr Gauck den Integrationsansatz seines Vorgängers fortführt, der den Muslimen das Gefühl gegeben hat, dass sie zu Deutschland gehören", sagte der Vorsitzende des Islamrats in Köln, Ali Kizilkaya, dem Berliner "Tagesspiegel" (Dienstagsausgabe). Den
Zusammenhalt in der Gesellschaft zu fördern, sei vor allem Aufgabe des Staatsoberhaupts, "dies umso mehr, als ihm seine Unabhängigkeit die Freiheit dazu gibt".

Gauck hatte die umstrittenen Islam-Thesen des früheren Bundesbankvorstands Thilo Sarrazin als "mutig" gelobt. Kizilkaya
sagte dazu, er habe schon oft erlebt, dass sich Positionen im Amt ändern. "Das erwarte ich mir auch von Herrn Gauck, wenn er erst zum Bundespräsidenten gewählt ist."

Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende des ebenfalls in Köln ansässigen Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek. Er setze darauf,
dass sich Gauck "wie sein Vorgänger als Bundespräsident aller Deutschen, also auch der Muslime, versteht", sagte Mazyek. "Wir brauchen jetzt mehr denn je einen Versöhner an der Staatsspitze, der "Ossis" und "Wessis", Einheimische und Eingewanderte und die verschiedenen Religionen in unserem Land als Einheit begreift."