03.12.2011

Die Welthungerhilfe wird 50 Jahre alt Rosen statt Mohn

Am Anfang war Euphorie, aber auch Blauäugigkeit. Der Wiederaufbau in Westdeutschland ging gut voran, und viele dachten, dass auch in anderen Teilen der Welt mit Hilfe von außen schnelle Erfolge möglich sein müssten. Seit Ende der 50er Jahre wandte sich Nachkriegsdeutschland wieder verstärkt der Welt und ihren Problemen zu – unter anderem mit der Welthungerhilfe.

Gegründet wurde nicht nur das Entwicklungsministerium (1961), sondern auch eine ganze Reihe von Entwicklungsorganisationen, die einen Teil des neuen Wohlstands der Westdeutschen für die Länder des Südens nutzen wollten: etwa die katholischen Hilfswerke Misereor (1959) und Adveniat (1961), aber auch die Welthungerhilfe, die am 14. Dezember 1962 ins Leben gerufen wurde und deshalb ab diesem Dezember ein Jahr lang das 50jährige Bestehen feiern will.

1960 hatte die Welternährungsorganisation die Staaten aufgerufen, im Rahmen einer internationalen Kampagne gegen den Hunger nationale Komitees zu gründen. In Bonn war es Bundespräsident Heinrich Lübke, der am 14. Dezember 1962 den "Deutschen Ausschuss für den Kampf gegen den Hunger" in der Godesberger Redoute zusammenrief, aus dem die Welthungerhilfe hervorging.

Mühsames Lernen
"Wenn man die Reden dieser Jahre liest, dann stand im Vordergrund immer der Vergleich mit dem Marshall-Plan", erinnerte sich Bernd Dreesmann, lange Generalsekretär der Welthungerhilfe. "Eine Finanzspritze sollte gegeben werden, vielleicht etwas technische Beratung, und dann würde sich ein Wirtschaftswunder am Kongo oder in Brasilien oder in Indien genauso einstellen wie bei uns."

Doch die Sache war komplizierter: Mühsam lernten die Beteiligten, den Hungernden nicht Reis und Brot für einige Tage zu geben, sondern sie nach dem Prinzip "Hilfe zur Selbsthilfe" zu befähigen, sich selbst und ihre Familien zu ernähren. "Wir haben verstanden, dass Know-How in den Entwicklungsländern vorhanden ist und nur darauf wartet, genutzt zu werden", betont Generalsekretär Wolfgang Jamann. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt bei der ländlichen Entwicklung, dem Aufbau von Infrastruktur sowie der Katastrophenhilfe.

"Wir sind in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewachsen", erläutert Marion Aberle, Sprecherin der Welthungerhilfe, die Entwicklung. Die Organisation mit 400 Mitarbeitern im In- und Ausland sowie 2.500 lokalen Mitarbeitern in den Partnerländern hat sich professionalisiert und neu aufgestellt. Zusammen mit der Unternehmensberatung McKinsey wurde ein Dezentralisierungsprozess geplant. Die Mitarbeiter vor Ort erhielten mehr Verantwortung für die Projekte. Umgekehrt wurde ein zentrales Controlling eingeführt.

Rosen statt Mohn in Afghanistan
Auch die Führungsstruktur wurde umgekrempelt: Aus dem ehrenamtlichen Vorstand, der alle Entscheidungen verantwortet, wurde ein ehrenamtliches Präsidium, das die strategischen Linien vorgibt - mit der früheren Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann als Präsidentin und dem früheren Bundesumweltminister Klaus Töpfer als Vizepräsident. Daneben gibt es den hauptamtlichen Vorstand, der die Geschäfte führt.

Nothilfe, Wiederaufbau, Entwicklung: Auch Einmischung in die Politik gehört zum täglichen Brot der Welthungerhilfe. Erst kürzlich hat sie der deutschen Entwicklungspolitik ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Ein zentrales Thema sind neuerdings auch die Spekulation mit Nahrungsmitteln und die Aneignung von Land durch Großkonzerne und reiche Staaten in Afrika. Mit Töpfer holten sich die Bonner zudem einen weltweit vernetzten Klimaschutzexperten an Bord, der öffentlichkeitswirksam darauf hinweist, dass Klimawandel, Armut und Hunger eng zusammengehören.

6.600 Projekte hat die Welthungerhilfe seit 1962 unterstützt. Besonders stolz ist man auf den Anbau und die Vermarktung von Rosen statt Mohn in Afghanistan. Als eine von wenigen Hilfsorganisationen arbeitet die Welthungerhilfe auch weiter im abgeschotteten Nordkorea, wo über 600 Gewächshäuser in der Nähe von Schulen und sozialen Einrichtungen gebaut wurden. Wie riskant Entwicklungshilfe sein kann, erfuhr die Welthungerhilfe in Afghanistan: Drei Mitarbeiter wurden getötet.

Christoph Arens