05.11.2011

50 Jahre Historikerstreit um Luthers Thesenanschlag Was geschah am 31. Oktober 1517?

Im November 1961 erklärte der katholische Kirchenhistoriker Erwin Iserloh erstmals, Martin Luther habe seine Thesen nie an die Wittenberger Kirchentür genagelt. Der anschließende Historiker-Disput ist auch 50 Jahre später noch nicht entschieden.

Martin Luthers berühmter Thesenanschlag soll niemals stattgefunden haben und gehört deshalb ins Reich der Legenden. Bei einem Fachvortrag im Audimax der Mainzer Gutenberg-Universität im November 1961 stellte der katholische Theologe Erwin Iserloh (1915-1996) erstmals öffentlich ein Ereignis infrage, das für viele Protestanten als Symbol der Reformation schlechthin gilt. Der Trierer Professor löste eine jahrelange leidenschaftliche Wissenschaftler-Debatte aus. Zum 50. Jahrestag des Vortrags organisieren evangelische und katholische Theologen am 8. November sogar ein Fachtreffen in Mainz - dieses Mal in ökumenischer Eintracht.

Iserlohs steile Thesen zum Thesenanschlag beruhten auf der Feststellung, dass Luther selbst nirgendwo unmittelbar davon schrieb oder berichtete, wie und ob er seine Abrechnung mit dem kirchlichen Ablasshandel eigenhändig an der Wittenberger Schlosskirche aufgehängt hatte. Das Bild vom Thesenanschlag beruhte vielmehr lange Zeit im Wesentlichen auf einer Bemerkung des Luther-Mitstreiters Philipp Melanchthon. Doch die fiel erst Jahrzehnte nach dem Reformations-Auftakt, und Melanchthon selbst war am entscheidenden Datum, dem 31. Oktober 1517, noch gar nicht in Wittenberg. Auch ein Urdruck der 95 Thesen wurde nie gefunden.

Provokante Behauptung
Protestantische Wissenschaftler widersprachen Iserloh zunächst energisch. Als die Historiker-Debatte in den 1960er Jahren immer weitere Kreise zog, griff auch die Presse das Thema auf. "Die katholische Behauptung rüttelt an dem heroischen Luther-Bild, das von Kanzeln und Kathedern herab ganzen Generationen von Konfirmanden und Kommilitonen eingeprägt worden ist", schrieb etwa der "Spiegel" in einem Beitrag unter dem süffisanten Titel "Reformator ohne Hammer".

Mit den Jahren setzte sich Iserlohns Meinung zunehmend auch auf evangelischer Seite durch, während dieser seine provokante Behauptung selbst wieder revidierte: Den Thesenanschlag habe es wohl gegeben, befand er nun. Nur nicht am Vortag des Allerheiligenfestes 1517, sondern später, als Luther keine Hoffnung mehr hatte, dass die kirchliche Obrigkeit sein Anliegen ernst nehmen würde.

"Iserloh hatte kein antiprotestantisches Interesse", sagt Wolfgang Breul, evangelischer Kirchenhistoriker an der Mainzer Gutenberg-Universität. Im Gegenteil: Ein Augustinermönch Luther, der sich mit seiner Kritik zunächst an den eigenen Erzbischof statt sofort an die breite Öffentlichkeit wandte, hätte für die katholische Seite ein wenig vom Nimbus des Kirchenspalters verloren. Dass Luther die Thesen an den zuständigen Mainzer Erzbischof schickte, stand für alle Beteiligten fest. "Für Luther selbst war die Frage, ob die Thesen auch angeschlagen wurden, nicht wichtig", urteilt Breul.

Erneut Bewegung
Erst vor einigen Jahren kam in die Diskussion um den Thesenanschlag erneut Bewegung. In einem Archiv in Jena wurden Notizen des Luther-Assistenten Georg Rörer gefunden, in denen dieser den Vorgang erwähnt. Allerdings stammt auch dieser älteste bisher bekannte Beleg aus einer Zeit mehr als 20 Jahre nach dem strittigen Ereignis.

Der Theologie-Professor Breul findet, für beide Positionen in der Debatte ließen sich gute Argumente finden. Er selbst halte es für wahrscheinlicher, dass es den Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 tatsächlich gegeben habe. Eine andere Frage sei aber, ob es Luther selbst war, der Hammer und Nagel griff. Bei der Veröffentlichung von Plakaten mit wissenschaftlichen Streitthesen übernahm diese Aufgabe im 16. Jahrhundert in den deutschen Hochschulstädten traditionell der Pedell - also der Universitäts-Hausmeister.

Karsten Packeiser