Lale Akgün zum Kölner Moschee-Streit

Nun ist der Beirat gefordert

Der Kölner Moschee-Streit geht weiter. Die Türkisch-Islamische Union (DITIB) hat dem Architekten der Kölner Moschee, Paul Böhm, nun neben massiven Baumängeln und explodierenden Kosten auch Uneinsichtigkeit vorgeworfen. "Als Künstler hat Herr Böhm brilliert, als Baumeister hat er leider versagt", sagte DITIB-Sprecherin Ayse Aydin am Donnerstag in Köln. Im domradio.de-Interview sieht SPD-Politikern Lale Akgün Gründe für die Verwerfungen auch bei der DITIB.

 (DR)

domradio.de: Bevor die Streiterei um den Bau zwischen Ditib und Architekt Böhm eskalierte, kam es in der letzten Zeit immer häufiger zu Konflikten. Im August 2010 hat der Vorstand der islamischen Gemeinde gewechselt. Könnten diese Konflikte und die Situation zur Zeit auch damit zusammen hängen?--
Lale Akgün: Ich bin mir relativ sicher, dass die Streitereien auch damit zusammenhängen, denn der Bau dieser Moschee war ja von Anfang an umstritten. Und es ist dann in einer Stadtgesellschaft und in einem Konsensprozess gelungen, eine Lösung zu finden und sich auf einen Moscheebau zu einigen. Und dieser Moscheebau sollte eben von Herrn Böhm durchgeführt werden, das war Teil der Vereinbarung, dass die Jury sich auf den Entwurf von Herrn Böhm festgelegt hat. Dieser Entwurf hat sich eben durch eine sehr moderne und außergewöhnliche Form ausgezeichnet. Aber man spürt ja schon die ganze Zeit, dass die Ditib sich verändert - auch durch die politischen Veränderungen in der Türkei, und es könnte doch sein, dass jetzt der neue Vorstand sich nicht mehr an diesen Konsens der Stadtgesellschaft gebunden fühlt.  

domradio.de: Inwieweit hat sich die Ditib verändert? --
Akgün: Nun, die Ditib ist ja in der Türkei direkt dem türkischen Ministerpräsidenten unterstellt und ist dadurch natürlich völlig abhängig von der politischen Großwetterlage, und wenn sich dort die Stimmung sehr viel konservativer gestaltet, schlägt das bis zu uns nach Köln durch.

domradio.de: Also reichen die politischen Arme in der Türkei da auch bis nach Köln?--
Akgün: So kann man das bezeichnen; man kann sagen, dass über das staatliche Präsidium für Religiöse Angelegenheiten der Türkei in Ankara - die Ditib ist ja nur eine Dependance dieser Institution - Veränderungen natürlich bis nach Köln durchschlagen. Man kann es auch so formulieren, dass natürlich die politischen Entwicklungen sich bei uns, bei der Ditib in Köln, niederschlagen.

domradio.de: Warum würde die heutige Ditib die "moderne" Moschee so nicht mehr bauen?--
Akgün: Vor einigen Jahren war bei der Ditib eine Art "heitere Öffnung" festzustellen, also es hat sich eine Veränderung ergeben, es gab eine Zusammenarbeit mit deutschen Institutionen, es wurde eine Jury eingerichtet, die sich dann auf dem Konsenswege für das Modell Böhm entschieden. Es ging auch darum, ob aus der Ditib ein deutscher Verein gemacht würde, der dann Bauherr der Moschee sein würde. Übrigens, eine Sache möchte ich noch festhalten: Die Ditib ist zwar Bauherr gewesen, aber es herrschte immer ein Konsens, dass es eine Moschee für Köln sein sollte, nicht nur für die Ditib. Das ist wichtig. Und ich kann mir vorstellen, dass jetzt diese konservativen Kräfte innerhalb der Ditib, aber auch in der Türkei sagen: Nein, diese Moschee entspricht nicht unseren Vorstellungen, sie ist zu modern, sie ist nicht traditionell genug und wir müssen eine andere Form wählen.

domradio.de: Im nächsten Jahr im Mai sollte die Moschee fertig sein, nun wird sich das wohl verzögern...oder sie wird nie fertig. Aber eine Moschee-Bauruine wird wahrscheinlich auch eine konservativere Ditib nicht wirklich wollen. Was also ist zu tun?--
Akgün: Es gibt ja einen Beirat für diesen Moscheebau und in diesem Beirat sitzen auch Kölner Persönlichkeiten, die sich immer sehr positiv und konstruktiv für den Bau der Moschee eingesetzt haben. Sie sind quasi eine Brücke zwischen der Stadtgesellschaft und der Ditib. Und ich erwarte eigentlich von diesem Beirat, dass er sich lautstark zu Wort meldet und dafür plädiert, auch im Sinne der Stadt und der Stadtgesellschaft, dass man zu konstruktiven Lösungen kommt, dass man die Moschee genauso weiterbaut wie vereinbart und vor allem dass man nicht in Köln über Jahre eine Moscheeruine stehen lässt. Damit wäre, glaube ich, die ganze Stadt nicht einverstanden.

domradio.de: Im Vorfeld hat es ja viele Diskussionen und Demonstrationen um den Moscheebau gegeben, mit dem Wachsen des hellen, imposanten Gebäudes schienen sich die Gemüter aber beruhigt zu haben. Wird dieser Streit, dieses Hin und Her nun wieder für ein neues Aufflammen der Diskussionen sorgen ? --
Akgün: Genau das ist ja der Punkt, den ich eben angesprochen habe: Es war ja eine ganz schmerzhafte und schwierige Geburt. Ganz viele Menschen in Köln haben sich ja für diesen Moscheebau eingesetzt, weil sie gesagt haben: Jede Religionsgemeinschaft hat das Recht, ein Gotteshaus zu bauen. Es haben sich Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten zu Demonstrationen zusammengetan, und als "Gegenleistung" haben sie das Recht zu erwarten, dass eine Moschee gebaut wird, die zu Köln passt und auch der Kölner Architektur angepasst ist. Wenn man nun von Seiten der Ditib diesen Konsens bricht, dann können natürlich auch die alten Streitereien wieder losgehen. Vor allem wird es Wasser auf die Mühlen derjenigen sein, die schon immer gegen den Moscheebau waren, die dann sagen werden: Wir haben es Euch ja gleich gesagt!



Das Interview führte Aurelia Plieschke.



Hintergrund

Die Türkisch-Islamische Union (DITIB) hat dem Architekten der Kölner Moschee, Paul Böhm, massive Baumängel, explodierende Kosten und Uneinsichtigkeit vorgeworfen. "Als Künstler hat Herr Böhm brilliert, als Baumeister hat er leider versagt", sagte DITIB-Sprecherin Ayse Aydin am Donnerstag in Köln. Die DITIB als Bauherrin hatte den Vertrag mit Böhm bereits am Montag für aufgelöst erklärt.



Orhan Gökkus als Bauherrenvertreter erklärte, dass ursprünglich 17 Millionen Euro als reine Baukosten veranschlagt worden seien. Nun sei mit einer Verdopplung zu rechnen. Ein Sachverständigenbüro hatte laut Aydin mehr als 2.000 Mängel an dem Bauvorhaben aufgelistet. So sei durch einen Rohbaufehler an den Kuppelschalen eine Abweichung von 23 Zentimetern festgestellt worden. Der Architekt habe die DITIB darüber nicht informiert und die Arbeiten fortsetzen lassen.



Ein von der DITIB beauftragter Statiker erklärte, dass die Standsicherheit des Kuppelbaus jedoch vollständig gewährleistet sei. Neben einer Reihe anderer Mängel muss laut Gökkus auch Beton saniert werden. Bereits im Juli hatte die DITIB nach eigenen Angaben den Architekten unter Kündigungsdrohung zu Nachbesserungen aufgefordert.



Das Architektenbüro Böhm hatte Anfang der Woche die Vorwürfe zurückgewiesen und erklärt, dass es selbst den Vertrag hatte auflösen wollen. Die DITIB habe die fälligen Honorare nicht bezahlt. Der Architekt Paul Böhm hatte 2005 den Architekturwettbewerb der DITIB gewonnen. Nach seinem Entwurf wird die repräsentative Moschee in Köln-Ehrenfeld mit zwei 55 Meter hohen Minaretten und einer 36,5 Meter hohen, halbtransparenten Kuppel gebaut. Baubeginn war das Frühjahr 2009, das Richtfest wurde im Februar dieses Jahres gefeiert. Zentrale Bestandteile sind die rund 36 Meter hohe Kuppel und zwei 55 Meter hohe Minarette. Daneben gibt es Gebäude für die Büros der neuen DITIB-Zentrale, Seminarräume, eine Bibliothek, ein Restaurant und Ladengeschäfte. Die Baukosten liegen nach bisherigen Angaben bei rund 20 Millionen Euro, die über Spenden und Kredite aufgebracht werden.



Böhm ist auf Kirchenbauten spezialisiert. Er kommt aus der bekanntesten deutschen Kirchbau-Dynastie der Moderne. Großvater Dominikus und Vater Gottfried schufen zahlreiche katholische Kirchen. Der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) gehören bundesweit mehr als 890 Mitgliedsvereine an. Die größte islamische Organisation in Deutschland tritt laut Selbstdarstellung für einen weltoffenen und liberalen Islam ein. Organisatorisch und personell ist die DITIB eng mit der staatlichen türkischen Religionsbehörde verbunden.