05.08.2011

Der Moraltheologe Schockenhoff zur Diskussion um Künstliche Befruchtung Nicht verboten, aber schwierig

Eine bessere finanzielle Hilfe bei künstlicher Befruchtung - die Bundesregierung plant das für gesetzlich Krankenversicherte. Moraltheologe und Ethikrat-Mitglied Eberhard Schockenhoff warnt im domradio.de-Interview: An den geringen Erfolgsaussichten und negativen Folgen der Methode ändern die Pläne nichts.

domradio.de: Wie stehen Sie zur Ankündigung der Bundesregierung, die Künstliche Befruchtung in Deutschland fördern zu wollen?
Schockenhoff: Das ist eine einseitige Perspektive: dass man den Eindruck erweckt, es liegt nur an mangelnder Bezahlung, dass wir so niedrige Erfolgsraten haben. Das eigentliche Problem der Künstlichen Befruchtung ist nicht, dass die Rahmenbedingungen unzureichend wären, sondern dass das Verfahren selber nur in seltenen Fällen zu einem Erfolg führt. Es sind ungefähr 25 Prozent der Paare, die sich diesem Verfahren unterziehen, die am Ende - oftmals nach mehrmaligen Behandlungszyklen - auch tatsächlich ein gesundes Kind mit nach Hause nehmen. Diese "Baby-take-home-Rate", wie man das nennt, ist sehr gering. Und sie verharrt seit Langem auf diesem niedrigen Niveau, trotz vieler Versuche, das zu ändern.

domradio.de: Es gibt also ihrer Meinung nach eine Möglichkeit, wie Künstliche Befruchtung durchaus zu befürworten ist?
Schockenhoff: Es gibt den grundsätzlichen Einwand, der u.a. vom Lehramt der Katholischen Kirche erhoben wird, den man auf die Formel bringen kann: Ein Kind ist ein Geschenk und kein Produkt. Ein Kind hat das Recht als Frucht der Liebe seiner Eltern aus einem natürlichen Zeugungsakt heraus empfangen zu werden. Und nicht mit Hilfe von fortpflanzugsmedizinischer Techniken hergestellt zu werden. Das ist ein sehr grundsätzlicher Einwand. Und er hat auch sicher seine Berechtigung, wenn mit diesem Erzeugungsvorgang, der künstlich veranstaltet wird, noch weitere manipulative Eingriffe verbunden sind, wie das im Extremfall beim Klonen der Fall wäre. Oder auch bei der Präimplantationsdiagnostik. Aber dass nun alleine die Tatsache, dass ein Kind außerhalb des Mutterleibes oder durch fortpflanzungsmedizinische Unterstütze gezeugt wird, dass das schon ein Eingriff in sein subjektives Recht auf natürliche Fortpflanzung gedeutet werden kann, das ist eine sehr schwierige Argumentation.

domradio.de: Gibt es denn eine ethisch rundum annehmbare Möglichkeit, kinderlosen Paaren bei der Erfüllung des Kinderwunsches zu helfen?
Schockenhoff: Eine Unterscheidung sagt, dass wenn die Fortpflanzungsmedizin den natürlichen Zeugungsvorgang nicht ersetzt, sondern unterstützt. Das ist eine Überlegung, die man anstellen kann. Und dann stellt sich die Frage: Was heißt unterstützen? Ist das nur die Frage, ob der medizinische Eingriff am Ort, also innerhalb des Mutterleibes stattfindet. Oder ob es außerhalb des Mutterleibes geschieht. Ich halte die Künstliche Befruchtung nicht grundsätzlich für moralisch unerlaubt. Was allerdings erforderlich ist, ist, dass man die Paare darüber aufklärt, welche hohen Risiken sie eingehen, dass sie am Ende doch kein Kind bekommen, und dass dieser ganze Aufwand medizinische für die Frau sehr belastend ist. Aber noch größer ist die Belastung im psychischen Bereich: das Auf und Ab einer euphorischen Hochstimmung. Man hofft, dass es jetzt gelingt, dann gelingt es aber wieder nicht, dass die künstlich erzeugten Embryonen sich tatsächlich auch implantieren und eine Schwangerschaft etabliert wird. Und dann ist es auch noch eine hohe Belastung für die Beziehung der Paare. Denn unausgesprochen steht immer im Raum: Wer ist jetzt schuld? Auf wessen Seite ist die eigentliche "Versagensursache". Und die wird ja auch nicht behoben. Viele Beziehungen gehen am Ende in die Brüche über eine solche Therapie. Und über diese Dinge wird nicht genügend aufgeklärt. Und unter dem Strich würde ich deshalb das Fazit ziehen: Man kann zwar nicht sagen, es ist grundsätzlich unerlaubt aus moralischen Gründen, aber wenn man jetzt Vorzüge und Nachteile nüchtern abwägt, würde ich den Ratschlag einem Paar geben, auf die Künstliche Befruchtung zu verzichten und vielleicht nach einer Adoption zu suchen. Oder vielleicht das Schicksal der Kinderlosigkeit zu akzeptieren.  

Das Gespräch führte Aurelia Plieschke.

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